Platte11

Von Heinz Gelking

99 x Klassik. Ein Lexikon der klassischen Musik. Zum Hören.

Was ist eigentlich ein Madrigal? Wer erfand das Saxophon? Wie klingt ein Crescendo?

Die berühmte Schwellenangst: Manche Leute glauben, um einen “Zugang” zur Klassik zu bekommen, müssten sie sich erst einmal in eine Geheimwissenschaft mit umfangreichem Geheimvokabular einweihen lassen. Vielleicht ist das zum Musikgenuss gar nicht notwendig. Aber es fällt sicher leichter, sich in der Konzertpause zu unterhalten, wenn man weiß, dass ein Vibrato nichts Unanständiges, ein Register nichts Bürokratisches und das Schlagwerk nichts Gewalttätiges ist. Die Deutsche Grammophon bietet Hilfe, um Wissenslücken zu schließen.

Auf drei CDs erklärt Das klingende Lexikon der klassischen Musik insgesamt 99 der wichtigsten Fachbegriffe aus der Welt der Klassik. Holger Wemhoff vom Klassik Radio führt die Zuhörer dabei kompetent und mit verständlichen Worten durch das Programm. Die drei großen Themenkomplexe, denen jeweils eine CD gewidmet ist, heißen Vokalmusik, Instrumentalmusik und Klassik allgemein, worunter hier vor allem die Beschreibung von Epochen und Gattungen fällt.

Etliche Klassik-Stars der Deutschen Grammophon unterstützen den Moderator und erklären in kurzen Wortbeiträgen ihre Spezialthemen. Manchmal ist das furchtbar misslungen. Wenige deutsche Zuhörer werden verstehen, was der Pianist Lang Lang meint, wenn er das Konzert so erklärt: “Du (als Solist) bist der Striker in einem Football Team. Und Du hast einen Dirigenten, der den Ball kontrolliert und zu Dir weitergibt oder wirft.” Dass der Dirigent Christian Thielemann zum Thema “Taktstock” noch einmal mit der alten Geschichte von Lullys tödlicher Fußverletzung um die Ecke kommt, wird dagegen nur denjenigen langweilen, der eigentlich sowieso schon zu viel weiß, um zur Zielgruppe von 99 x Klassik zu gehören.

Was hier hätte entstehen können, wenn man die Auswahl der beteiligten Prominenten nicht nach der Berühmtheit und dem Marketingwert vorgenommen hätte, sondern nach der Bereitschaft, sich auf ein klingendes Lexikon-Projekt wirklich einzulassen und einen Begriff nicht nur zu erläutern, sondern ihn auch zu vorzuführen, das zeigen Anne Sofie von Otters Erläuterungen der Register einer Stimme und in idealer Weise auch Andreas Scholls gesungene Demonstrationen der Begriffe “Vibrato” und “Verzierungen”. Auch von der gelungenen Auswahl der Musikbeispiele, die das Erklärte meistens sinnfällig illustrieren, wird der Klassik-Einsteiger profitieren. Wenn Anne Sofie von Otter und Magdalena Kožená unmittelbar nacheinander mit “Oh del mio dolce amor” aus Glucks Oper Paride ed Elena zu hören sind, erklärt das viel besser, was das spezifische Timbre einer Stimme ist, als ellenlange Texte das je könnten.

99 x Klassik ersetzt kein gutes Musiklexikon wie den Atlas Musik aus dem DTV-Verlag. Aber bequemer und unterhaltsamer als hier kann man sich als Klassik-Neuling die wichtigsten Grundbegriffe vermutlich kaum aneignen. Darum: Sehr empfehlenswert!

Kompakte Kompetenz: Wer sich umfassend über musikalische Grundbegriffe informieren möchte, dem empfehle ich den zweibändigen “Atlas Musik” aus dem DTV-Verlag.

(Dieser Artikel erschien erstmals Anfang 2007 in image hifi und wurde jetzt minimal überarbeitet.)

— 23. Juni 2010