Platte11

Von Heinz Gelking

Analog oder digital? Mir (relativ) egal!

Es soll noch immer Leute geben, die sich am Streit um Tonträgerformate festbeißen können. Analog oder digital? LP oder CD/SACD/DVD? – Mich interessiert die Frage längst nicht mehr so brennend. Dabei bin ich Plattensammler.

Um 1990 herum hatte ich mir einen besseren Plattenspieler gekauft. Daraufhin setzte mein CD-Player monatelang Staub an. Schließlich habe ich ihn verkauft. Ich hatte keine Lust mehr auf CD-Hören und bin einer der wenigen Menschen, die einen CD-Player besaßen und komplett wieder abgeschafft haben. Aus Frust am Klang. An einem Samstagmorgen bin ich auf dem Flohmarkt in Münster auch fast alle meine CDs los geworden.

Damals war die analoge Musikwiedergabe der digitalen tatsächlich noch überlegen. Zumindest glaube ich das.

Als ich vor knapp zehn Jahren begann, für eine Hifi-Zeitschrift über klassische Musik zu schreiben, habe ich mir doch wieder einen CD-Player zugelegt. Klassik und Jazz waren nämlich die ersten Genres, in denen man keine Wahl mehr hatte. Es gab so gut wie keine Neuaufnahmen mehr auf Vinyl. Wer 1998 keinen CD-Player besaß, hatte sich vom aktuellen Musikgeschehen abgekoppelt. Das wollte und konnte ich nicht. Zu diesem Zeitpunkt war die CD für mich eine Notwendigkeit – nicht geliebt, aber akzeptiert.

Zurück zum Vinyl. Inzwischen erfährt es einen regelrechten Boom, ein Revival der „guten, alten“ schwarzen Scheibe, die auf einmal ganz modern sein soll. Und alle springen auf den Zug auf: das Fernsehen, die Zeitschriften, die Elektronikmärkte. In Videoclips von Popmusikern und in Werbefilmen – beides gute Indikatoren für den so genannten „Zeitgeist“ – tauchen regelmäßig Plattenspieler auf. Eine rotierende schwarze Scheibe auf einem Plattenteller hat mehr Stil und Sinnlichkeit als ein Plastikscheibchen, das sich hinter der CD-Schublade eines Players erst einmal unsichtbar machen muss, bevor es Musik hervorbringen kann.

Selbst der Mediamarkt im Ruhrpark hat inzwischen wieder LPs im Sortiment. Wir Plattensammler fragen uns derweilen, ob wir das Management nun darin bestärken sollen, dass es eine richtige Entscheidung war, auf Vinyl zu setzen, oder ob es richtiger wäre, weiterhin jenen Läden die Treue zu halten, die uns während der vergangenen Jahre mit dem schmalen Angebot neuer schwarzer Scheiben (zu teilweise ganz schön gepfefferten Preisen) versorgt haben. Und auf einmal gibt es sogar wieder Klassik-Neuproduktionen auf Vinyl zu kaufen. Wenn ich es richtig mitbekommen habe, war ein „Querschnitt“ der Traviata-Produktion von den Salzburger Festspielen die erste richtige neue Klassik-LP seit langer Zeit. Musste sie schon deshalb ein Erfolg werden, weil das LP-Cover viel größere Fotos von Anna Netrebko ermöglicht als das mickrige CD-Format…? Am Inhalt kann es jedenfalls nicht liegen. Ich halte zwar mehr von dieser Produktion als die meisten Kritiker, und insbesondere schätze ich die künstlerische Leistung von Anna Netrebko, aber ich vermute gleichzeitig, dass dieser LP das selbe digitale Datenmaterial zugrunde liegt, welches auch für die CD und DVD verwendet wurde. Dass in Salzburg eine analoge Bandmaschine mitgelaufen ist, glaube ich nicht. Mir ist das aber auch egal. Ich werde mir die LP ohnehin nicht zusätzlich zu meiner CD-Gesamtaufnahme ins Regal stellen. Schon eher die DVD, denn bei einer Oper kommt es ja nicht nur auf den Ton an.

Seltsam, wir Plattensammler profitieren am wenigsten vom Hype um die LP. Der Hype ist zuerst ein Mode- und Kommerzphänomen. Wer kommt zum Weihnachtsgeschäft 2007 zuerst mit einem „Vinyl-Player“? Aldi? Lidl? Plus? Die Plastik-Plattenspieler, die neuerdings wieder in den Elektronikmärkten stehen, interessieren mich jedenfalls nicht die Bohne. Aber dass Tori Amos’ neueste Platte auch wieder auf Vinyl erscheint, das finde ich schon klasse. Die werde ich mir wohl bestellen.

In den letzten Jahren hatte ich die Gelegenheit, mit ein paar der besten digitalen Quellengeräte der Welt für jeweils mehrere Wochen zuhause arbeiten zu dürfen, beispielsweise mit dem Accuphase DP-78 (der damals entstandene Text ist hier als PDF frei zugänglich). Wer immer noch meint, dass die CD ungenießbar klingt, hat ein Problem in seiner Stereo-Anlage, nämlich da, wo eigentlich ein vernünftiger CD-Player stehen könnte. Er muss ja kein Vermögen kosten wie der DP-78.

Heute kann man schon für viel weniger Geld vollkommen befriedigend CD hören. LP oder CD? Die Frage ist sekundär geworden. Beide Formate können Musik so transportieren, dass sie uns fesselt und bewegt. Das Können der Musiker und Tonmeister ist entscheidend – nicht Vinyl oder Polycarbonat.

Beobachte ich mein eigenes Hörverhalten, komme ich zu dem Ergebnis, dass ich trotzdem zu 70 oder 80 Prozent eine Platte auflege. Das wird wohl auch nach diesem Mir egal-Statement so bleiben. Und ich gebe nach wie vor viel mehr Geld für neues und gebrauchtes Vinyl aus als für neue CDs.

Begründen kann ich das nicht. Wie begründet ein Rosenzüchter seine Passion? Gar nicht. Er sagt höchstens, dass er Rosen schöner als Tulpen findet.

Wenn ich allerdings berücksichtige, dass sich in meinem Musikregal viele Tausend LPs und nur mehrere Hundert CDs befinden, ist eine Hörquote von 20 bis 30 Prozent für die CD doch gar nicht so schlecht, oder?


Ich bin davon überzeugt, dass es an der Zeit ist, den Formatstreit zu beenden. Die LP wird wohl nie wieder ein Massenphänomen der Art, dass jede aktuelle Produktion auch auf Vinyl heraus kommt. Muss ja auch nicht. Es gibt auch so einen lebendigen Plattenmarkt, auf dem der Sammler mehr Geld lassen kann, als seinem Kontostand gut tut. Mit dieser Art von Ko-Existenz kann ich ganz gut leben.

Die Verteidigungslinie verläuft nicht mehr zwischen LP und CD. Sie verläuft nun zwischen dem alten Hifi-Gedanken einer möglichst „naturgetreuen“ Musikwiedergabe (ein Gedanke, der sicher auch seine naive Seite hat) und dem, was heute als „gut“ akzeptiert wird. Es soll inzwischen Leute geben, die nichts anderes mehr kennen als datenreduzierte Files, die sie über die Brüllwürfel neben ihren Computerbildschirmen abhören.

Sie wissen es nicht besser. Dabei hat selbst der billigste Schneider-Hifi-Turm von 1980 eine bessere Klangqualität geboten. Wie ein guter Fernseher aussehen muss (groß und flach), das wissen die Leute dagegen ganz genau. Ihr Gespür für Qualität kann nicht ganz verloren gegangen sein. Hat etwa das Interesse an Musik nachgelassen?

Ich glaube es nicht.

— 19. Juni 2007