Platte11

Von Heinz Gelking

Josef Suk und Alfréd Holeček spielen Antonín Dvořáks Kompositionen für Violine und Klavier (Supraphon-Doppel-LP, antiquarisch)

Antonín Dvořák, der ja lange als Bratschist an der Nationaloper in Prag tätig war, hat seine Kammermusik ausschließlich für Streichinstrumente geschrieben. Dabei nehmen die vierzehn Streichquartette, gefolgt von vier Klaviertrios den größten Raum ein. Sie tragen einen hohen Anspruch; mit ihnen stellte er sich in die Tradition der beiden kammermusikalischen “Königsgattungen”, zu denen auch Beethoven und Mendelssohn, Schumann und Brahms im 19. Jahrhundert wichtige Beiträge geleistet hatten. Am Klaviertrio f-moll op. 65 hatte er zwei Monate gearbeitet, korrigiert und geändert, und mit Streichquartetten hat er sich zwischen 1862 und 1895 beschäftigt, also eigentlich sein ganzes Leben, abgesehen von den letzten Jahren, während derer er nur noch symphonische Dichtungen und Opern schrieb.

Die Sonate für Violine und Klavier F-Dur op. 57 kündigte er seinem Verleger Simrock als etwas “Seriöses” an: Mit den Slawischen Tänzen könnten wir vielleicht noch bis zum Herbst warten. Ich fühle auch jetzt mehr das Bedürfnis, etwas Seriöses zu schreiben… eine Violinsonate, das wäre so etwas, was mich bei guter Stimmung hält. Die übrigen Werke für Violine und Klavier haben eher den Charakter von anspruchsvoller Hausmusik, wie die wundervolle Sonatine G-Dur op. 100, die eine Verkleinerung ja schon im Namen trägt* oder wirkungsvollen Vortragsstücken wie Dvořáks eigener Bearbeitung des Slawischen Tanzes Nr. 2 e-moll für diese Besetzung.

Der tschechische Geiger Josef Suk hat die Kompositionen für Violine und Klavier mit dem Pianisten Alfréd Holeček 1972 in einem Studio der Supraphon in Prag für zwei LPs eingespielt (Supraphon MS 111 1311/2). Liegt es an einer durch die Aufnahmetechnik verschobenen Perspektive auf das Duo, dass der Klavierpart ein wenig unterbelichtet wirkt, oder hält sich Alfréd Holeček selbst dort, wo man sich mehr Engagement von ihm wünschen würde, nämlich bei der Sonate, ein wenig zurück? Jedenfalls wurde auf den beiden LPs ein eher an Harmonie und Anpassung als an Konfrontation und Reibung ausgerichtetes Duo-Spiel dokumentiert, bei dem der prominente Geiger ein wenig im Vordergrund steht. Und trotzdem gelangen den beiden wundervolle Aufnahmen. Josef Suk verfügt über einen tragenden, warmen und wandlungsfähigen Ton und interpretiert diese Musik, die er vermutlich kennt wie kein anderer Geiger seiner Generation, mit erstaunlichem Feingefühl dafür, weder bei den hausmusikalischen Stücken zu dick aufzutragen, noch den Anspruch der Sonate unter musikantischer Burschikosität zu verdecken. Da wird kein Konzept und kein Ausdruck der Musik übergestülpt wie etwas Fremdes. Josef Suk artikuliert sie wie seine Muttersprache. Hüten wir uns vor Klischees über “böhmisches Musikantentum” – die hier erlebte Natürlichkeit ist vermutlich genauso hart erarbeitet wie die fiebrige Ausdrucksuche eines Gidon Kremer oder der prachtvolle und süße Wohlklang von Itzak Perlman.


Klangqualität: Minimale Zweifel am Klavierklang, der vor allem im Bass ein wenig schwach wirkt, ändern nichts daran, dass die beiden Supraphon-LPs eher überdurchschnittlich gut klingen und sehr sorgfältig gefertigt sind. Die Violine steht links vorn und wird mit großem Reichtum an klangfarblichen und dynamischen Nuancen übertragen, aber ohne jede perspektivische Vergrößerung (bei vielen Violineinspielungen hat man ja den Eindruck, dass die Geige mindestens so groß wie ein Cello ist…). Das Klavier befindet sich rechts und leicht zurück versetzt und klingt ein wenig brillanzarm. Aufnahmeleiter: Jan Vrána, Aufnahmeingenieur: Miloslav Kulhan.

*Eine Sonatine ist eine kleine Sonate.

—  9. Februar 2008