Platte11

Von Heinz Gelking

Arvo Pärt: "Spiegel im Spiegel", "Für Alina" und andere Werke, gespielt von Benjamin Hudson, Sebastian Klinger, Jürgen Kruse (Brilliant Classics-CD)

Short summary in English:

Pärt’s music has a simple structure and creates moods, rather than tension. If you like this controversial composer, then this CD is recommended. The interpreters are competent and the sound is good.

Dreiklänge, Tonleitern, lang ausgehaltene Töne – die Materialien, die Arvo Pärt in seiner Klavier- und Kammermusik verwendet hat, sind betont einfach. Auch auf dynamische Kontraste verzichtet der estnische Komponist, und rhythmisch könnte seine Musik kaum schlichter daher kommen. Wollte er noch simpler komponieren, dann müsste Pärt sich wohl an einstimmigen Gregorianischen Chorälen versuchen. Kein Wunder, dass seine Musik so umstritten ist. Immerhin provoziert sie die Frage, ob sich hinter edler Einfalt auch zwingend stille Größe verbergen muss.

Mir begegnete die Musik von Pärt zum ersten Mal auf einer CD des Kronos-Quartets. Sie enthielt eine Streichquartett-Variante von Fratres, seinem vielleicht bekanntesten Werk. Mich ließ es gleichgültig, und ich kann nicht sagen, dass sich das inzwischen grundlegend geändert hätte. Mit einer Ausnahme: Als Filmmusik in Tom Tykwers Winterschläfer funktionierte die scheinbar nicht vom Fleck kommende Musik auf einmal – als Surrogat für die Stille im Hochgebirge, die in diesem Film darzustellen war. Vielleicht verlangt Pärts Musik eben ein anders Hören als eine Beethoven-Sonate. Sie baut keine Spannungsmomente auf, sondern schafft Stimmungen oder ein bestimmtes Ambiente, vergleichbar mit der bedeutungsvoll raunenden Stille eines leeren Kirchenraumes.

Arvo Pärt begründet seinen reduzierten Stil so: “Ich habe entdeckt, dass es genügt, wenn ein einziger Ton schön gespielt wird. Dieser Ton, die Stille oder das Schweigen beruhigen mich. Ich arbeite mit wenig Material, mit einer Stimme, mit zwei Stimmen. Ich baue aus primitivem Stoff, aus einem Dreiklang, einer bestimmten Tonqualität.”

Brilliant Classics hat nun eine bereits 2006 erstmals herausgebrachte CD, die zwischenzeitlich vergriffen war, wieder veröffentlicht. Benjamin Hudson (Violine), Sebastian Klinger (Cello) und Jürgen Kruse (Klavier) spielen unter anderem verschiedene Versionen von Pärts Spiegel im Spiegel sowie Für Alina, jenes Klavierstück, mit dem Pärt 1976 nach einer acht Jahre währenden Schöpfungspause zum ersten Mal wieder an die Öffentlichkeit ging und seinen Tintinnabuli-Stil begründete. Hudson, Klinger und Kruse sind kompetente Interpreten. Selbstdarsteller würden bei dieser Musik scheitern. Sie bringen die notwendige Ruhe auf und lassen sich auf das Prinzip der Einfachheit ein. Auch die Aufnahmetechnik überzeugt.

Weiterführende Links:

Arvo Pärt sowie eine Analyse von Spiegel im Spiegel bei Wikipedia. Dort wird auch der Tintinnabuli-Stil erklärt.

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— 14. April 2010