Platte11

Von Heinz Gelking

Brahms' Trio für Violine, Waldhorn und Klavier Es-Dur op. 40

Speakers Corner überrascht mit einer seltenen Kammermusik-LP, während Tacet mit dem selben Werk die CD-Freunde bedient. Klangtechnisch war in beiden Fällen die Frage zu lösen: Wie halten wir’s mit der Ballance?

Selbst Brahms war klar, dass es schwierig werden würde, ein Trio für diese Besetzung auf den Markt zu bringen. Darum erschien sein Opus 40 zuerst mit einer Cello-Stimme und später auch in einer Version mit Bratsche im Druck. Brahms schwebte aber von Anfang an ein Horn vor, und nicht nur das: ein Waldhorn sollte es sein – obwohl es längst die bequemer und sicherer zu spielenden Ventilhörner gab. Die nannte Brahms verächtlich „Blechbratsche“. Man kann, muss aber nicht, den Vermutungen folgen, dass Brahms sich durch den Tod seiner Mutter im Februar 1865 an seine Jugend und das von ihm selbst gespielte Waldhorn erinnert hat.

Es gibt nur wenige Aufnahmen von Opus 40, darunter sind für LP-Sammler empfehlenswert: Drolc, Seifert, Eschenbach auf einer DG-LP von 1968 sowie Grumiaux, Orval, Sebök auf einer Philips-LP von 1976. Und eben dieses Reissue.

Das Trio ist wunderschön. Es nimmt in seiner nachdenklichen und melancholischen Grundstimmung die späten und berühmteren Kammermusikwerke mit Klarinette vorweg.

Joseph Szigeti (Violine), John Barrows (Horn) und Mieczyslaw Horszowski (Klavier) haben das Horntrio im März 1959 im Ballsaal des Great Northern Hotels aufgenommen. Das Problem der Ballance zwischen der Violine und dem modernen Ventilhorn von John Barrows wurde hier – wenn meine Ohren mich nicht täuschen – durch Abstände gelöst: Joseph Szigeti steht links vorn, relativ nah am Klavier, während John Barrows offenbar ziemlich weit rechts und weit nach hinten versetzt Platz genommen hat. Es hat vorzüglich funktioniert: Mercury SR-90210 gehört zu den klangtechnisch überzeugendsten Kammermusik-Aufnahmen, die ich kenne, und hält musikalisch dem Vergleich zu den Alternativen bei der DG und Philips problemlos stand. Mein Exemplar war absolut plan und sauber gepresst.


Während das Ballance-Problem von Mercury durch eine Aufstellung der Musiker umgangen wurde, die im Konzert niemals in Frage käme, löst das Abegg-Trio das Problem mit Hilfe der historisch informierten Musizierpraxis, oder anders: Wenn man’s macht, wie Brahms es sich schon vorgestellt hat, treten die Probleme erst gar nicht auf. Der junge Hornist Stephan Katte spielt ein 2001 von Andreas Jungwirth gebautes, einem Graslitzer Instrument von 1800 nachempfundenes Horn, Ulrich Beetz hat seine Geige von Nicolas Lupot (Paris 1821) mit Darmsaiten ausgerüstet und Gerrit Zitterbart sitzt an einem Hammerflügel von Johann Baptist Streicher und Sohn aus dem Jahr 1864. Während ein modernes Ventilhorn, wie John Barrows es spielte, nach Konzertsaal klingt, klingt Stephan Kattes Horn – nach Wald! Leiser, zarter und würziger spielt es, und darum kann es mit der Violine und dem Klavier wunderbar gemeinsam klagen und sich freuen. Ob Brahms das gefallen hätte? – Bestimmt!

— 23. April 2007