Platte11

Von Heinz Gelking

Brass Noir on the Trans-Balkan Highway (LP)

Christoph Rossner grinst. Er ist zufrieden. Die LP ist fertig geworden, pünktlich zur HighEnd 2007. Der Plattenspieler-Entwickler hat sich für seine erste LP aus dem Katalog des Berliner Weltmusik-Labels Piranha Musik eine Compilation von Blechblas-Musik zusammengestellt (LP-PIR2117).

Musik: Balkan Brass? Es geht ganz spröde und existentialistisch los mit Darko Rundek & Cargo Orkestra. Sie fangen mit einer U-Bahn-Durchsage an, auf Deutsch: „Eins, zwei, drei. Drei Stationen“, um dann Französisch und Englisch zu singen. Die großen Städte der Welt sind Schmelztiegel, weil alle unterwegs sind und in der Fremde ankommen. Natürlich auch Darko Rundek, der kroatische Sänger, der New Waver aus Zagreb, der Underground-Musiker aus Jugoslawien. Als Jugoslawien zerfiel, ging Darko Rundek nach Paris. Seine beiden Stücke haben den modernsten Sound – kein typischer Balkan Brass, sondern eine sehr urbane und etwas verloren klingende Musik. Wenn Tom Waits sich ein Chanson hätte schreiben lassen und es mit einem Elektropop-Produzenten aufgenommen hätte… Ach was, Darko Rundek braucht keine herbeigezogenen Vergleiche.

Den typischen Balkan Brass mit einer Blaskapelle der Vollfett-Stufe steuern Boban Marković Orkestar feat. Marko Marković mit fünf Stücken ihrer CD Promise bei. Obwohl —- was ist schon typisch, wenn sich eine Mariachi-Trompete aus Mexiko auf den Balkan verirrt und dort auf ein weiches Polster aus Blechbläser-Akkorden setzt und eine kehlig-orientalische Stimme (von Jelena Marković) ihre Spur darüber legt? Was ist schon typisch, wenn ein Flügelhorn in poetischen Versen klagt? Dorfkapellen klingen anders, wohl auch an der Donau… Trotzdem, Boban Markovićs Stücke entsprechen noch am ehesten den Hörerwartungen an Balkan Brass. Das Genre ist ja seit Filmen wie Schwarze Katze, weißer Kater in Mitteleuropa zumindest unter Leuten mit offenen Ohren ziemlich bekannt. “Anmut und Grazie” dieses handfesten, virtuosen, ausgelassenen Musikspektakels treten vor allem bei etwas weiter aufgedrehtem Lautstärkeregler zu Tage ;-).

Am faszinierendsten finde ich drei Stücke von Boris Kovač & La Campanella. Keine Musik, bei der man sich als Hörer auf den Tanzboden eines Jahrmarkts entführt sieht, sondern sehr elaborierte und elegante Arrangements mit bis zu zehn verschiedenen Instrumenten und einem Sound, dessen Bestandteile – neben der Folklore aus Kovačs pannonischer Heimat – aus ganz Europa stammen: Flamenco-Gitarre und Musette-Akkordeon und Csárdás-Geige und Jazz-Saxophon und mehr. Eine farbintensive Mischung von Instrumenten und Stilen, bei der die Melancholie überwiegt, aber auch schon ein Silberstreifen am Horizont anklingt. Ob man Boris Kovač & La Campanella wirklich unter Balkan Brass einsortieren sollte? Eigentlich gehört er da genauso wenig wie Darko Rundek rein. Am ehesten ist das wohl zeitgenössischer europäischer Jazz, der seine Motive in der mediterranen Volksmusik und auf dem Balkan gefunden hat. Doch egal welche Schublade: Dicke Empfehlung!


Fertigung und Klang: 180g Pressung von Pallas, 100%ig eben, keine Nebengeräusche wie Knistern etc., gefütterte Innenhülle. Die Klangqualität der von verschiedenen Veröffentlichungen stammenden Titel schwankt und reicht von sehr gut (Boban Marković Orkestar) bis recht gut (Darko Rundek & Cargo Orkestra ).

— 28. Mai 2007