Platte11

Von Heinz Gelking

Bruno kauft Hifi

Was, Sie kennen Bruno nicht? Dann haben Sie unser Analog-Buch nicht gelesen… Bruno ist eine imaginäre Figur, in die Freunde, Bekannte und Kollegen (nicht von image hifi) eingegangen sind. Im Analog-Buch der hifi tunes habe ich Bruno als Interessenten für einen Plattenspieler erfunden. Jetzt hat sich jemand an mich gewandt, weil er sich eine neue Hifi-Anlage kaufen wollte. Ich bleibe der Anonymität halber bei Bruno.

Bruno wollte gut Musikhören und war erstens bereit und zweitens in der Lage, etwas Geld zu investieren. Ich habe Bruno begleitet und so noch einmal eine (von mir) fast vergessene Perspektive auf die „High-End-Welt“ einnehmen können. Übrigens war Bruno zuvor in einem Elektronikmarkt. Das hatte ihn aber nicht überzeugt. Selbst wenn er von Hifi wenig versteht, so hat er doch ein gutes, allgemeines Gespür für Qualität.

Ich hatte Bruno abgeholt und wir fuhren zu dem High-End-Laden – ein typisches, vom Inhaber geführtes Hifi-Studio. Wir wollten in Ruhe beraten werden und kamen deshalb bewusst in der späten Mittagszeit. Am Feierabend ist es ja erfahrungsgemäß in jedem Hifi-Studio voll. Der Inhaber war zwar noch mit einem Firmen-Vertreter (jedenfalls nicht mit einem Kunden) beschäftigt, aber wir bekamen schon mal einen Kaffee und eine Sessel angeboten – sehr angenehm. Sobald er Zeit hatte, fragte der Inhaber ein wenig nach den Interessen (Klassik) und dem Budget (gehoben, aber nicht exorbitant) von Bruno. Dann schlug er vor, eine Odeon Orfeo zum Probehören aufzustellen. Wir waren einverstanden.

Leider hatte ich vergessen, Bruno zu sagen, dass er ein paar CDs mitnehmen solle. Ich selbst holte ein paar aus dem Auto, aber es ging ja um Lautsprecher für Bruno, nicht für mich. Wir hörten in Viktoria Mullovas Aufnahme von Beethovens Violinkonzert. Bruno war enttäuscht. Er wollte mehr Fülle und mehr Bass. Ich wendete ein, dass es am Historischen Instrumentarium liege könne, wenn das Orchester etwas dünn klinge usw, aber nachdem wir auch noch in Mahlers „Fünfte“, gespielt von einem „konventionellen“ Orchester, reingehört hatten, musste ich Bruno zustimmen: Die Odeon Orfeo klang faszinierend präzise, aber wenn man – wie Bruno – bisher recht voluminöse „Boxen“ auf dem Fußboden stehen hatte, dann musste man ganz klar Grundton und Bass vermissen. Auf den Fußboden gestellt, dickt nämlich jede Box auf, weil der Fußboden den Schall sofort reflektiert. Und wenn man an diese Aufdickung gewöhnt ist, kann der Klang eines Zwei-Wege-Lautsprecher auf Ständern befremdlich mager wirken.

Bruno wollte etwas anderes hören, und auch ich riet eher zu einem Standlautsprecher. Sein Raum – Bruno käme nie auf die Idee, von einem „Hörraum“ zu sprechen – ist nämlich ziemlich groß. Und der Schritt von einer sehr konventionellen, auf dem Fußboden stehenden Box zur Odeon Orfeo schien mir für Bruno auch fast zu groß – er wollte ja Spaß beim Musikhören haben und kein Tonmeister werden. Ich selbst hätte mit der Odeon Orfeo dagegen ganz gut leben können. Aber ich bin beim Musikhören auch eher ein Detail- und Auflösungsfetischist. Auch bade ich lieber im Wasser als im Sound.

Jedenfalls stellte der Inhaber eine Audio Physic Yara auf. Das Klangbild schien geschlossener, fülliger und runder. Bruno war zufrieden. Doch der Inhaber war so klug, zum Vergleich noch mal die Odeon Orfeo anzuschließen. Tatsächlich – die klang dünner, aber auch viel präziser. „Was gibt es denn dazwischen? Große Genauigkeit und mehr Fülle?“, wollte Bruno wissen. Eine Odeon Rigoletto wurde aufgestellt. Wir brauchten nicht lange, und Bruno war sofort zufrieden: Das war’s! Die Rigoletto machte den Bass für Mahlers Kontrabässe und hatte die Präzision und Attacke für Trompeten-Einsätze und konnte die Stimme einer Opernsängerin faszinierend aus einem imaginären Bühnenraum auf uns zu fluten lassen. Außerdem sah die Odeon Rigoletto auch noch toll aus. Die Sache war entschieden. Bruno orderte auch gleich einen feinen Verstärker und CD-Player. Zum CD-Player riet ich ihm, weil es aus meiner Sicht keinen Sinn macht, eine so feine Hifi-Anlage wie er sie kaufen wollte, mit einem fünzehn Jahre alten, portablen CD-Spieler anzusteuern. Den Rat hat er angenommen. Aber sonst habe ich mich kaum in seine Entscheidungen eingemischt.


Welche Erkenntnis nehme ich aus dieser Geschichte für mich mit?

- Ein High-End-Laden unterscheidet sich vom Elektronikmarkt nicht nur durch das andere Produktangebot, sondern vor allem durch eine angenehme Atmosphäre, gute Beratung und die Möglichkeit des Probehörens. Das überzeugt auch Leute, die bisher noch keinen Kontakt zur High-End-Welt hatten.

- Ein guter Verkäufer (wie der, den wir erlebt haben), stellt zwar die verschiedensten Produkte auf und beantwortet Fragen, aber er enthält sich weitgehend einer eigenen Meinung (das habe ich übrigens auch getan). Bruno hat selbst entschieden. Insbesondere wurde er nicht dazu gedrängt, die viel teurere Rigoletto statt der Orfeo zu nehmen. Wenn ihn jemand gedrängt hat, dann waren das seine Ohren…

- Genau, die Ohren. Für mich der wichtigste Erkenntnisgewinn. Bruno, der bisher absolut keinen Kontakt zur High-End-Welt hatte, aber etwas von Musik versteht und sich präzise ausdrücken kann, wusste ohne Probleme zwischen den verschiedenen Lautsprechern Unterschiede wahrzunehmen und diese auch zu benennen. „Einen Unterschied höre ich doch sowieso nicht“, eine Aussage, die man immer wieder von Leuten hört, stimmt (meistens) nicht. Jeder hört den Unterschied zwischen einem Qualitätslautsprecher und einem Brüllwürfel, der beim Elektronikmarkt auf der Palette liegt. Nur kommt es selten dazu, dass die Leute sich tatsächlich mal in Ruhe etwas anhören.

- Also vermute ich, dass es ein großes, aber brach liegendes Potenzial an Interessenten für ausgezeichnetes Hifi gibt. Die Branche schafft es nur nicht, sich diesen Menschen gegenüber zu öffnen. Vermutlich liegt das an den Insider- und Schwellenritualen, die in vielen Läden gepflegt werden.

- Die Kaufentscheidung befördert hat übrigens mit Sicherheit das Angebot des Händlers, die gesamte Anlage anzuliefern und kostenlos aufzustellen. Und weil die Odeon Rigoletto eine lange Lieferzeit hat, bekommt Bruno bis dahin leihweise einen anderen Lautsprecher. Händler, die nur Kartons über die Theke schieben wollen, müssen sich nicht wundern, wenn die Leute im Internet beim Billigsten bestellen. Ich finde sogar, dass sie es nicht besser verdient haben. Übrigens hat Bruno im Gegenzug auch nicht um die letzten 50 Euro gefeilscht. Er betrachtet die Anlage als Anschaffung fürs Leben. Dafür taugt sie auch!

- Etwas war Bruno, dem Normal-Hörer, nicht so einfach zu vermitteln, und vielleicht nimmt der eine oder andere Hersteller (es soll welche geben, die hier mitlesen;-) ) das mal mit auf den Weg: Bruno wunderte sich, dass sein früherer Verstärker einen Kopfhörer-Eingang hatte, der neue Verstärker aber nicht (obwohl der neue im Verhältnis viel teurer als sein alter Verstärker ist). Für einen Normal-Hörer (nur für den?) ist ein Kopfhörer ab 22 Uhr abends eine prima Lösung, mit der man Nachbarschaftsstreit vermeidet. Und Bruno hat auch noch viele LPs. Für den Plattenspieler und den Kopfhörer muss er jetzt externe Lösungen kaufen. Er hätte sich am feinen, skandinavischen Design seiner neuen Hifi-Anlage aber bestimmt noch mehr gefreut, wenn Kopfhörerausgang und Phono-Eingang wenigstens als Extra für den neuen Vollverstärker hätten geordert werden können. Jetzt bekommt er einen schicken Verstärker und daneben zwei nicht so schicke Kästchen.

Mir hat es übrigens viel Spaß gemacht, mit Bruno einzukaufen.

(Dieser Text erschien zuerst in meinem alten Weblog. Ich habe ihn leicht überarbeitet und in die Hifi-Artikel-Sektion übernommen.)

— 12. April 2007