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Von Heinz Gelking

Camille Saint-Saëns: Klavierkonzert Nr. 4 c-Moll op. 44, gespielt von Robert Casadesus (CBS-LP) und Aldo Ciccolini (EMI-LP)

Fünf Klavierkonzerte komponierte Camille Saint-Saëns (1835-1921), der selbst ein ausgezeichneter Pianist war. Die meisten blieben auf Schallplatten das Repertoire von Musikern französischer Herkunft wie Philippe Entremont oder Pascal Rogé. Nur das zweite Konzert in g-Moll op. 22, ein Virtuosenreißer par exzellence (Alfred Beaujean), erfreut sich internationaler Beliebtheit und wurde beispielsweise von Emil Gilels, Swjatoslaw Richter und Artur Rubinstein aufgenommen. Sein eigenwilligstes Klavierkonzert schrieb Saint-Saëns allerdings mit dem vierten in c-Moll, op. 44. Es entstand 1875 und wurde im selben Jahr in Paris uraufgeführt.

Auf den ersten Blick hat das Konzert nur zwei Sätze. Es weicht damit von Saint-Saëns’ üblicher Praxis ab, sich zumindest hinsichtlich der Satzzahl an das tradierte Formschema einer Dreiteilung zu halten und es allenfalls in der Reihenfolge schnell – langsam – schnell zu variieren. Saint-Saëns war bei seinem vierten Klavierkonzert ähnlich experimentierfreudig wie Brahms bei seinem wenige Jahre später komponierten zweiten (B-dur op. 83), das er auf vier Sätze erweiterte. Knut Franke beschrieb die Zweisätzigkeit des Konzertes 1976 so: Die äußere Zweisätzigkeit wird im Binnenbereich des Werkes weiter differenziert: der erste Satz hat zwei Abschnitte (Allegro moderato und Andante), in denen der Komponist dem Prinzip der Variation huldigt; eine “Durchführung” gibt es nicht; der zweite Satz hingegen ist in sich ein “Konzert im Konzert” durch die Folge Allegro vivace – Andante – Allegro, wobei im knappen Andante auf das Andante des ersten Satzes Bezug genommen wird – Hinweis auf den klassizistischen Umbau des durch Liszt formulierten zyklischen Prinzips.

Der aus Italien stammende, aber vorwiegend in Frankreich tätige Pianist Aldo Ciccolini nahm alle fünf Klavierkonzerte von Saint-Saëns mit dem Orchestre de Paris für die Plattenfirma EMI auf. 1971 entstand die Einspielung des vierten Konzerts. Ciccolini war damals bereits berühmt für seine ab 1965 nach und nach bei EMI erscheinenden und eher flüssig (um nicht zu sagen: überraschend schnell) und mit großer, unsentimentaler Klarheit interpretierten Klavierwerke von Erik Satie (die GA wurde 1975 fertig). Aber seine Saint-Saëns-Einspielungen zeigen, dass er rasche Tempi nicht zu einem Interpretationsprinzip gemacht hatte, welches er verschiedener Musik nach Belieben überstülpte: Das vierte Klavierkonzert von Saint-Saëns spielte Aldo Ciccolini raumgreifend und in einem eher schweren Duktus, als gelte es wie bei Brahms sinfonische Dimensionen abzustecken. Dabei bleibt er den virtuosen Anforderungen nichts schuldig und bewältigt auch die hoch-virtuosen, weitgriffigen Passagen vollkommen ungefährdet – Saint-Saëns, der alle seine Klavierkonzerte für den Eigenbedarf schrieb, muss ein technisch exzellenter Pianist gewesen sein! Serge Baudo und das Orchestre de Paris steuern einen (wohl auch durch die Aufnahmetechnik bedingt) etwas sämig und betont warm, zugleich wuchtig wirkenden Orchesterklang mit einer schön ausgearbeiteten Palette an Klangfarben bei. Auf mich wirkt die Einspielung von Aldo Ciccolini, Serge Baudo und dem Orchestre de Paris ein wenig konventionell – oder sollte man besser formulieren: vertraut?

Camille Saint-Saëns tritt uns hier jedenfalls wirklich wie ein Vorgänger von Johannes Brahms entgegen, und Aldo Ciccolinis Spiel erinnert keineswegs nur ganz entfernt an das von großen Brahms-Interpreten wie Claudio Arrau oder Emil Gilels (EMI-LP C063-12103).

Als Alternative möchte ich allen Plattensammlern die Einspielung von Robert Casadesus und Leonard Bernstein mit dem New York Philharmonic Orchestra aus dem Jahr 1961 empfehlen. Sie wirkt wie ein vorweg genommener Gegenentwurf zur sorgfältigen und großflächigen Aufnahme von Ciccolini und Baudo. Schon das kleinteilige Eingangsthema wird vom Orchester rhythmisch prägnanter geformt, und Bernstein schlägt ein deutlich rascheres Tempo als Baudo an. Casadesus spielt den Anfang des Konzerts noch betont schlicht und fügt sich dem Orchester ein, doch im Verlauf des ersten Satzes steigert er sein Spiel zur großen, alles mit sich reißenden, virtuosen Geste. Die Interpretation hat eine soghafte Spannung und wirkt beinahe wild und nervös. Mit Bernstein und Casadesus haben sich zwei Musiker getroffen, denen Ausdruck vor Kontrolle geht. Sie haben das Konzert in einen Dampfkochtopf gesteckt und zum Kochen gebracht – am deutlichsten sind die Unterschiede zwischen den beiden Einspielungen im letzten Drittel des zweiten Satzes, das Casadesus und Bernstein extrem schnell angehen. Das New York Philharmonic Orchestra und der damals immerhin über sechzig Jahre alte und mit überschäumendem Temperament ausgestattete Pianist spielen eng verzahnt und reagieren stark aufeinander.

Die Platte leidet vor allem am Anfang unter Gleichlaufschwankungen, weshalb das ohnehin etwas hart und verzerrt klingende Klavier ein wenig “jault”. Aus “audiophilen” Erwägungen braucht niemand nach dieser LP (CBS 61712, Stereo) zu suchen. Aber hinter der unterdurchschnittlichen Klangqualität verbirgt sich eine mitreißende Interpretation und damit ein beeindruckendes Plädoyer für Saint-Saëns’ eigenwilligstes Konzert.

Ein letzter Versuch der Charakterisierung zweier Aufnahmen, die mich trotz ihrer Unterschiedlichkeit beide begeistern: Ciccolini und Baudo lassen die Musik geschehen, während Casadesus und Bernstein etwas daraus machen.

Was sonst noch interessant ist: Robert Casadesus war nicht nur der prominenteste französische Pianist nach dem zweiten Weltkrieg, sondern auch ein ziemlich fleißiger Komponist. Sein Gesamtwerk umfasst 68 Opus-Nummern und enthält keineswegs nur Klaviermusik, sondern unter anderem sieben Sinfonien, vier Streichquartette sowie ein Violin-, Flöten- und Cellokonzert.


— 25. März 2008