Platte11

Von Heinz Gelking

Cassandra Wilson: Silver Pony

Ehrlich gesagt, habe ich sie immer ein wenig als Diva wahrgenommen. Zwar umgab sich Cassandra Wilson auch bei frühen Produktionen wie Blue Light ‘Til Dawn (1993) oder New Moon Daughter (1996, Grammy für die beste Jazz-Gesangsdarbietung) schon mit erstklassigen Musiker-Kollegen, doch trotzdem stand sie dabei stets unangefochten im Mittelpunkt. Mit ihrer Stimme konnte sie diesen Platz auch jederzeit rechtfertigen. Zwischen Pop, Blues und Jazz gehörte ihr das gesamte Spielfeld.

Nun soll sie gesagt haben, dass Silver Pony ein Band-Album sei. Verdammt gönnerhaft könnte das klingen, entspricht aber genau dem Eindruck, der sich auch beim Hören einstellt: Immer wieder nimmt Cassandra Wilson sich zurück und lässt ihren erstklassigen Musiker-Kollegen den Vortritt. Über weite Strecken liegt die Musik komplett in den Händen von Marvin Sewell (Gitarre), Herlin Riley (Drums), Lekan Babalola (Percussion), Reginals Veal (Bass) und Jonathan Batiste (Klavier). Zwei Stücke sind sogar rein instrumental. „Anders als viele Sängerinnen beschränkt Cassandra ihre Musiker nicht auf eine reine Begleitfunktion“, lässt sich Herlin Riley seitens des Labels zitieren, „Sie erlaubt uns vollen Ausdruck und Input. Das zeigt, wie sie als Mensch ist.“

Tatsächlich atmen die manchmal unmittelbar ineinander übergehenden Live- und Studio-Tracks eine entspannte Atmosphäre kollegialer gegenseitiger Inspiration. Selbst ein fast schon zu kuscheliges Duett mit John Legend („Watch the sunrise“) wirkt vor diesem Hintergrund keine Spur peinlich. Überhaupt fällt auch bei „Silver Pony“ wieder auf, dass Cassandra Wilson offenbar keine Berührungsängste kennt und sich locker über alle Genre-Grenzen hinweg setzt, wenn es um das Aufsammeln musikalischer Ideen geht. Ob Bossanova-Klassiker („A day in the life of a fool“) oder Stevie Wonders „If it’s magic“, was diese Frau Midas aus New Orleans und ihre Vertrauten anfassen, gewinnt neue Facetten und verwandelt sich in musikalisches Gold.

— 12. Dezember 2010