Platte11

Von Heinz Gelking

Christiane Oelze, Gerald Finley, La Chapelle Royale, Collegium Vocale, Orchestre de Champs Elysées, Philippe Herreweghe: Ein Deutsches Requiem von Johannes Brahms

Seit vierzig (!) Jahren hält sich Otto Klemperers Einspielung im Katalog, Herbert von Karajans Aufnahme von 1976 wurde mit einem Grand-prix-du-Disque ausgezeichnet und Rudolf Kempes Mono-LP von 1955 darf als Geheimtipp gelten. Doch neben diesen großen Aufnahmen der Vergangenheit steht gleichberechtigt seit 1996 eine Live-CD von Philippe Herreweghe.

Schon in der zweiten Verszeile des Deutschen Requiems von Johannes Brahms werden Freuden in Aussicht gestellt, statt den liturgisch üblichen Tag des Zorns herauf zu beschwören – Brahms’ Textauswahl stellt die Zurückbleibenden in den Mittelpunkt und will Trost spenden. Nirgendwo vermittelt sich diese teilnehmende Haltung von Musik und Text so sinnfällig wie bei Herreweghe, nirgendwo wandelt sich der Chorklang so berückend vom Dunklen ins Helle, kein Chor klingt so gut ausbalanciert und zugleich so engagiert wie La Chapelle Royale und das Collegium Vocale. Was den Chorgesang angeht, ist diese Aufnahme den historischen Aufnahmen klar überlegen.

Es sind immer noch die Traumbesetzungen der Solistenpartien, die den Wert der historischen Aufnahmen ausmachen. Vor allem Elisabeth Schwarzkopf und Dietrich Fischer-Dieskau in der Aufnahme von Otto Klemperer werden oft zum Maßstab erhoben – und das mit einigem Recht. Ich persönlich höre die wunderbare, im Deutschen Requiem geradezu engelsgleich singende Elisabeth Grümmer und den jungen Dietrich Fischer-Dieskau in der einige Jahre zuvor entstandenen Aufnahme von Rudolf Kempe allerdings noch lieber.

Gerald Finley mit seinem hellen, wohlkingenden Bariton ist Dietrich Fischer-Dieskau ebenbürtig. Christiane Oelze hat vielleicht nicht den lindernden Balsam von Elisabeth Grümmer in ihrer Stimme, aber wer hätte das schon? Nein, Herreweghes Solisten sind gut, ach was: ausgezeichnet. Und im Gegensatz zu ihren Vorgängern aus der Schallplattengeschichte singen sie live …

(Text erschien erstmals in image hifi 1/2002, hier jetzt minimal überarbeitet. In image-hifi 3/2005 habe ich mich dann noch einmal etwas ausführlicher mit diesem Werk beschäftigt und einen kleinen Interpretationsvergleich geschrieben (noch nicht online).)

— 20. Juli 2009