Platte11

Von Heinz Gelking

Chumbawamba: English Rebel Songs 1381-1914

Im Jahr als Chumbawamba die CD “English Rebel Songs 1381-1914” veröffentlichten, hatten Milli Vanilli und die Pet Shop Boys ihre größten Erfolge. Vielleicht macht das klar, wie exotisch Chumbawamba waren. Sie waren nicht exotisch, weil sie “linke” Musik machten und über soziale und politische Themen sangen – das war in der Zeit von U2 oder Tracy Chapman nicht ungewöhnlich, sondern Tagesgeschäft. Doch Chumbawamba gingen ins Studio und nahmen ein A-cappella-Album mit Liedern von Befreiungs-, Gewerkschafts- und Emanzipationsbewegungen auf. Auf die Idee war noch keiner gekommen (noch nicht mal das Amiga-Label aus dem Arbeiter- und Bauernstaat).

Chumbawamba haben dabei dem Musikmarkt nicht das klitzekleinste Zugeständnis gemacht. Die Bandmitglieder plus Verstärkung gingen einfach in eine Studiokabine, sangen die Lieder ein – fertig. Es gab weder pfiffige Arrangements, noch ein Soundgewand, nur einige unausgebildete Stimmen, die ein paar Nachmittage lang geübt hatten, die einfachen, aber immerhin mehrstimmig gesetzten Lieder halbwegs wackelfrei ins Mikro zu bringen. Poverty Knock haben Chumbawamba mit Geräuschen von historischen Textilmaschinen hinterlegt, weil es traditionell im Rhythmus der Maschinen gesungen wird. Aber das ist die einzige Abweichung vom puristischen Konzept.


Mit der CD kann man – wegen der “ungekünstelten” Stimmenwiedergabe – sehr gut Hifi-Anlagen testen. Wenn eine Anlage es nicht drauf hat, lauter individuelle, singende Menschen in den Hörraum zu projizieren, offenbart das ein Problem. Der Chumbawamba-Chor unterscheidet sich ja von einem “guten” Chor gerade dadurch, dass jede einzelne Stimme aus dem Rahmen fällt und ein homogener Klang gar nicht erst angestrebt wird.

Aber man kann die CD natürlich auch einfach so hören, zum Beispiel beim Zeitunglesen. Da gibt sie einen schönen Kontrapunkt zu aktuellen Schlagzeilen über bestechliche Gewerkschaftler und lustreisende Betriebsräte ab. Weil einem in Erinnerung gerufen wird, dass Chancengleichheit, Meinungsfreiheit und soziale Sicherheit nicht vom Himmel gefallen sind, sondern erkämpft werden mussten.

— 11. April 2007