Von Heinz Gelking
Crisis? What Crisis?

Bleibt cool und weiß noch nichts vom MP3: Typ auf dem Cover einer Supertramp-LP
An nichts bastelt die Hifi-Gemeinde so gerne wie an den Szenarien ihres Untergangs. Schon mit der Einführung der CD wurde das Ende der Hörkultur herauf beschworen. Musik „zerhackt“ in Nullen und Einsen, der Tod des Cover-Artworks, der Wertverlust des „Originals“ durch verlustfreie Kopierprozesse – so und ähnlich lauteten die Klagen.
Knapp zwanzig Jahre später ging das Gejammer wieder los. Nicht etwa hoch auflösende Audioformate wie die DVD-A oder die SACD verbreiteten sich immer mehr, sondern ausgerechnet MP3-Files, also Musik in Form von Datenpaketen, die abrufbereit auf Servern lagern oder als Dateianhang verschickt werden können. Musikhörer meiner Generation (und ältere) bemängelten daran gar nicht so sehr einen Verlust an Klangqualität, sondern vor allem die Tatsache, dass die Musik ihr Trägermaterial verloren hat, nicht mehr mit einem Gegenstand verbunden ist, den man in Händen halten, als Geschenk verpacken oder ins Regal stellen kann.
Wobei man dem auch von mir hier und andernorts gerne angestimmten Gemaule natürlich auch entgegen halten könnte, dass die Musik als Datei wieder etwas von ihrem eigentlichen, flüchtigen, immateriellen Wesen zurück bekommt. Darin liegt ja ihr wichtigstes Unterscheidungsmerkmal gegenüber der Malerei und anderen bildenden Künsten. Man kann Musik eben nicht wie ein Bild mit einem Nagel an die Wand hängen.
Haben sich mit dem MP3-File tatsächlich die allgemeinen Qualitätsansprüche gegenüber der Musikwiedergabe verringert, wie manchmal angenommen wird? Vielleicht müssen wir Freunde des guten Klangs einfach aufhören, den Musikdateien ständig vorzuhalten, dass sie keine CDs sind. Ich brauche mir nur mein Universum Uhrenradio mit Cassettenrecorder von 1980 in Erinnerung rufen, mit elf Jahren vom Taschengeld in einem Quelle-Shop gekauft, um einen Fortschritt zu erkennen. Man könnte also sagen: „Immerhin ist es keine Compact Cassette!“ Wenn ich nur an die bei Klaviermusik unüberhörbaren Tonhöhenschwankungen durch die Gleichlaufprobleme denke … Dieses Problem existiert bei Musikdateien schlicht und einfach nicht. Und solange die Datenkompression gering ist, klingen sie keineswegs so katastrophal wie gerne behauptet wird. Sie klingen nicht audiophil, aber ordentlich. Das schreibe ich allerdings nicht als MP3-Hörer, mit diesem Format freunde ich mich wohl doch nicht an, sondern als Internetradio-Nutzer.
Allerdings finde ich es schade, dass während der vergangenen Jahre nach meinem Eindruck immer weniger Menschen zwischen 15 und 30 den Schritt vom Kassettenrekorder MP3-Player zur Hifi-Anlage mitgemacht haben. Der früher selbstverständliche “Aufstieg” findet nicht mehr statt. Dabei klang noch der billigste Hifi-Turm um 1985 herum besser als die PC-Lautsprecher auf meinem Schreibtisch 25 Jahre später. Klassen besser! Zwischen dem stationären und portablen Musikhören der Jugendlichen mit ihren PCs, iPods und Handys und den Hifi-Anlagen ihrer Eltern klaffte etwa zehn Jahre lang ein unüberbrückbarer Graben. Für Menschen unter 30 war Hifi nur noch selten ein Thema.
Das könnte es jetzt aber wieder werden. Endlich. Digitaleingänge an CD-Playern und DAC-Einschübe für Vollverstärker, separate Digital-Analogwandler, Soundkarten in allen Preislagen und Qualitäten, externe Festplatten und Docking-Stationen – wer heute Musikdateien auf einer „richtigen“ Stereo-Anlage nutzen will, hat 1000 Möglichkeiten, das MP3-File in die Hifi-Anlage zu bringen. Und das nächste Mal, liebe Eltern, verhökert Ihr die alten Lautsprecher nicht mehr im Internet, wo man sowieso nichts dafür kriegt, sondern schiebt sie hinüber ins Teenager-Zimmer, gebt zum Geburtstag einen gebrauchten Vollverstärker dazu (den gibts’s da für 30 Euro) und ein Kabel mit einem Klinkenstecker, das sich auf der anderen Seite in zwei Stränge mit Cinch-Steckern aufspaltet (das gibt’s für 3 Euro). Ein PC steht da ja möglicherweise ohnehin schon. Ich bin mir sicher, das Sohn oder Tochter auf den guten Klanggeschmack kommen.
Aber verlangt bloß nicht von ihnen, Supertramp zu hören.
— 23. März 2010