Platte11

Von Heinz Gelking

Das Doppelkonzert von Johannes Brahms

Wolfgang Schneiderhan und János Starker nahmen 1962 gemeinsam mit Ferenc Fricsay und dem RSO Berlin eine besonder partnerschaftliche und kammermusikalische Version des so genannten Doppelkonzerts von Brahms auf (DGG 139126 SLPM)

Text aus Infofeld II

Die Situation war verfahren: Joseph und Amalie Joachim hatten einen heftigen Ehestreit, weil der berühmte Geiger seine als Altistin erfolgreich konzertierende Frau der Untreue bezichtigte. Johannes Brahms, mit beiden befreundet, hatte Amalie in einem Brief sein Vertrauen ausgesprochen, und eben diesen Brief hatte sie im Scheidungsverfahren vor Gericht gegen Joseph Joachim genutzt, um ihre Unschuld zu unterstreichen.

Joseph Joachim fühlte sich daraufhin durch Brahms verraten. Er kündigte dem Komponisten, den er nicht nur bei der Arbeit am Violinkonzert unterstützt hatte, die Freundschaft. Sieben Jahre lang herrschte Funkstille zwischen beiden. Brahms unternahm 1887 den ersten Schritt zur Versöhnung. Er hatte im Sommer des Jahres am Thuner See ein Konzert für Violine, Violoncello und Orchester, a-moll op. 102 komponiert – sein letztes Orchesterwerk überhaupt. Das legte er Joachim zur Begutachtung vor, und er dirigierte auch selbst die Uraufführung dieses „Versöhnungswerkes“ (Clara Schumann) am 18.10.1887 in Köln. Joseph Joachim und Robert Hausmann waren die Solisten. Die Versöhnung gelang.

Ein unzeitgemäßes Konzert

Was für eine seltsame Idee, am Ende des 19ten Jahrhunderts ein Doppelkonzert zu schreiben! Eigentlich waren Konzerte für mehrere Instrumente längst aus der Mode gekommen. Schon in Beethovens Schaffen bildete das so genannte Tripelkonzert, C-dur op. 56, für Violine, Violoncello und Klavier eine Ausnahme.

Das Zeitalter der Virtuosen ist noch nicht zu Ende. Im Entstehungsjahr des Doppelkonzerts jubelt das Publikum beispielsweise in Paris dem Pianisten Nicolaj Rubinstein zu, als er Tschaikowskys Klavierkonzert, b-moll op. 23 aufführt, von der Seine-Metropole aus wird es endgültig seinen Siegeszug durch Europa antreten, nachdem es bereits 1875 in Boston uraufgeführt worden war. Und schon Jahrzehnte zuvor hatte Europa die Musik komponierender Virtuosen wie Liszt und Paganini kennengelernt. Während die beiden Klavierkonzerte von Brahms, aber auch sein Violinkonzert, zumindest hinsichtlich der spieltechnischen Schwierigkeiten und der Möglichkeit, sich mit Bravur solistisch hervor zu tun, mit solchem Virtuosenfutter locker mithalten können (und, was die musikalische Substanz betrifft, darüber hinaus gehen), wirkt dieses Doppelkonzert auf den ersten Blick wie eine Kehrtwende zu so veralteten Genres wie dem Concerto grosso oder der Sinfonia Concertante. Im frühen 20ten Jahrhundert folgen wiederum viele Komponisten dieser Idee – Brahms war einmal mehr gleichzeitig Traditionalist und Fortschrittlicher.

Kammermusik für zwei Solisten mit Orchester

Brahms hat mit seinem Opus 102 das kammermusikalischste Konzert dieses Virtuosenjahrhunderts geschrieben – vielleicht wurde es deshalb nie besonders populär. Ihm war wohl bewusst, wie unzeitgemäß seine Idee war, denn er schrieb Clara Schumann: „Von mir kann ich Dir recht Drolliges erzählen. Ich habe nämlich den lustigen Einfall gehabt, ein Konzert für Geige und Cello zu schreiben.“

Brahms webte Freundschaftsgesten in die Musik ein und zitiert ein Violinkonzert von Viotti, das Joachim und er liebten. Das Doppelkonzert hatte aber nicht nur innere Anlässe, wie den Wunsch nach einer Versöhnung mit Joachim. Mit einer Bevorzugung des Cellos, das Themen meistens vor der Violine einbringen darf, trug er zugleich der Tatsache Rechnung, dass Robert Hausmann ihn ursprünglich wegen eines Cello-Konzerts angesprochen hatte (die Frage, ob das Doppelkonzert irgendwann als reines Cellokonzert geplant war, ist wohl immer noch offen). Die Form scheint mit der Entstehungsgeschichte und Brahms’ Intentionen zu korrespondieren: Zwischen den beiden Solisten und dem – in der Uraufführung ja von Brahms geleiteten – Orchester stellt sich eine Balance ein, in der nicht nur alle an der thematischen Arbeit beteiligt sind, sondern sich die Beteiligten – vor allem im Dreieck zwischen Holzbläsern und den Solisten – auch die motivischen Bälle zuwerfen. Nur das Triumphale findet nicht statt. Brahms entzieht den Solisten sogar die freie Gestaltung der Kadenzen als Möglichkeit der Selbstdarstellung und schreibt ihnen welche aus, in denen sie eng aneinder gebunden sind und miteinander korrespondieren. Selbst der letzte Satz, das tänzerische Vivace non troppo, vermittelt mehr innige Freude am freundschaftlichen Zusammenspiel als auftrupfenden Jubel oder lärmenden Kehraus.

Wolfgang Schneiderhan und János Starker

Es hat in der Schallplattengeschichte Solistenpaare gegeben, die das Doppelkonzert trotzdem mit großer Geste ausgespielt haben. Und wenn es sich dabei um so grandiose Musiker wie Jascha Heifetz und Gregor Piatigorsky handelte, dann konnte auch dabei eine mitreißende Einspielung entstehen (1960 für RCA mit dem RCA Victor Symphony Orchestra unter der Ltg. von Alfred Wallenstein aufgenommen; für LP-Sammler: bei Ciscomusic auf 180gr. Vinyl wiederveröffentlicht).


Mein Favorit aus der LP-Ära findet sich allerdings in der zwei Jahre später aufgenommene Einspielung von Wolfgang Schneiderhan und János Starker mit dem Radio-Symphonie-Orchester Berlin unter der Leitung von Ferenc Fricsay (DGG 139126 SLPM). Beide Solisten hatten aus herausgehobenen Positionen in Spitzenorchestern Karriere gemacht, beide traten häufig als Kammermusiker auf. Schneiderhan war nach Wunderkind-Anfängen zunächst Konzertmeister der Wiener Symphoniker, dann der Wiener Philharmoniker geworden, und auch als Kammermusiker sehr aktiv (in einem Streichquartett unter seinem Namen und im Klaviertrio mit Edwin Fischer und Enrico Mainardi). János Starker war Solo-Cellist in Budapest, Dallas, an der Metropolitan Opera und schließlich beim Chicago Symphony Orchestra. Es war beiden eine vertraute Situation, aus einem Orchester heraus solistisch zu agieren und sich dabei auch wieder zurück zu nehmen. Starker spielt mit einem schlanken, sehnigen und wandlungsfähigen Celloton, Schneiderhans Geige klingt schlackenlos, lyrisch und fein. Sie wetteifern nicht um den dicksten und tragfähigsten Ton – sie machen zusammen Musik. Und das in einer Weise, die dem besonderen Charakter des Doppelkonzerts vollkommen entspricht. Bestimmt trug zum Gelingen bei, dass mit dem RSO unter Fricsays Leitung keines der großen Traditionsorchester im Boot war, bei denen Brahms damals oft so dunkel, dicht und trübe klang, sondern ein modernes Orchester – hellwach und selbstbewusst und Schneiderhan und Starker ein echter Partner. So ensteht hier etwas ganz Besonderes: Kammermusik im sinfonischen Gewand.

— 22. März 2007