Platte11

Von Heinz Gelking

Das Janáček Quartet spielt Streichquartette von Leoš Janáček

Supraphon SUA ST 50556, Aufnahmejahr 1963.

Im Streichquartett haben einige Komponisten die Decke über ihrer Gefühls- und Gedankenwelt ein wenig mehr als sonst gelupft. Und auf einmal tritt Biographisches in die strenge Sphäre absoluter Musik. Beethovens Heiliger Dankgesang eines Genesenden an die Gottheit aus dem a-moll-Quartett, op. 132, oder Smetanas e-moll-Quartett mit dem Beinamen Aus meinem Leben stehen dafür genauso wie Schostakowitschs c-moll-Quartett, op. 110, das er „eigentlich sich selbst gewidmet hat“, wie seine Tochter bezeugt. Auch die beiden Streichquartette von Leoš Janáček tragen Persönliches nach außen – das erste noch verdeckt, das zweite ungeschminkt.

Leoš Janáček interessierte sich für etwas, das ihn im Alter selbst betraf: Außerhalb der bürgerlichen Normen stattfindende Liebesbeziehungen. In seinen Opern spielen solche Beziehungen eine entscheidende Rolle. Dabei sind es die Frauen, welche unter der Reglementierung der Liebe leiden: Die schwangere Jenufa ebenso wie die „untreue“ Katja Kabanowa. Als Leoš Janáček schon ein alter Mann war, liebte er eine 38 Jahre jüngere Frau namens Kamilla Stösslova. Er liebte sie so sehr, dass er sein zweites Streichquartett “Liebesbriefe” nennen wollte.

Janáčeks erstes Streichquartett trägt den Beinamen Die Kreutzersonate und nimmt Bezug auf Tolstois 1890 erschienene Erzählung, in der ein Ehebruch zentrales Thema ist. Sein zweites Streichquartett, eben das, welches er ursprünglich Liebesbriefe nennen wollte, bekam schließlich den doch etwas neutraler formulierten Namen Intime Briefe. Janáček wollte darin statt der Bratsche eine Viola d’amore („Liebes-Viola“ – ein historisches Streichinstrument mit „lieblichem“ Klang) einsetzen. “Liebesbriefe” und Viola d’amore – das war ihm dann aber wohl doch zu offensichtlich. Übrig blieben nur sul ponticello zu spielende Passagen der Bratsche. Die Alt-Stimme im Quartett bekommt dabei einen ganz eigenen Klangcharakter. Er ähnelt weniger dem weichen Näseln einer Viola d’amore, sondern klingt nervös, erregt und abgründig.

Es gibt ein Foto von den Musikern des 1947 gegründete Janáček Quartetts: Die Geiger Jiří Trávníček und Adolf Sýkora, der Bratscher Jiří Kratochvíl und der Cellist Karel Krafka befinden sich in Janáčeks Haus in Brünn und studieren eine Partitur. Sie kannten die Musik ihres Namenspatrons vermutlich besser als jedes andere Kammermusik-Ensemble. Wenn sie auf der Bühne saßen, brauchten sie nicht einmal Noten – sie spielten auswendig. Alle Vier waren Dozenten der Janáček-Musikakademie in Brünn. Sie vertraten eine für diese Region Europas zumindest 1963, als ihre Janáček-Aufnahmen entstanden, noch sehr charakteristische Streicher-Kultur: Der Klang hat einen festen Kern, die Instrumente klingen warm und erdig. Aus dem selbstbewussten Aufspielen von Bratsche und Cello und dem Verzicht des Primarius auf Ego-Trips ergibt sich eine wunderbare Balance. Wenn im Vergleich zu ihnen das Melos Quartett (Intercord-Aufnahme, LP von 1973) den dritten Satz der Intimen Briefe beginnt, steht die erste Violine mehr im Vordergrund. Wilhelm Melcher zaubert das erste Thema, eine sich wiegende Melodie, raffiniert hervor und setzt sich klanglich deutlich von den drei anderen Musiker ab. Bei den Janáčeks klingt das anders. Da erwächst die Melodie aus dem dichten Gefüge der Streicher. Und das Rhythmische erfährt mehr Beachtung – es erhält seinen Puls nicht nur in einem tänzerischen Satz wie dem letzten des zweiten Quartetts vor allem durch Karel Krafkas saftige Ausführung der Tanzweise. Sind das so Klischées, wie sie westeuropäische Kritiker wie ich gerne auch bei tschechischen Dvořák-Interpreten anwenden? Mag sein. Aber dieses Quartett spielt Janáčeks Rhythmen jedenfalls so aus, dass sie nicht wie „erarbeitet“ klingen. Ich höre Präzision, Elastizität und Schwung. Davon haben einige amerikanische oder westeuropäische Quartette nur die Präzision. Das ist nicht genug.


Janáčeks Streichquartette brauchen die Fähigkeit und die Bereitschaft, scharfe Akzente und innige Kantilenen unmittelbar gegenüber zu stellen, zart-ätherische Momente in Fortissimo-Ausladungen zu überführen, kecken Tanz-Rhythmen mit erregten Tremolo-Passagen dazwischen zu fahren. Aus diesen Gegensätzen erhalten die Quartette ihre Spannung – sie gehören zum Expressivsten, was im zwanzigsten Jahrhunderts zu Notenpapier gebracht wurde. Die Janáčeks treiben das Disparate bis an den äußersten Rand und lassen die Musik wie in einem Dampfkochtopf brodeln. Aber sie überschreiten nie jene Grenze, wo aus Janáčeks Quartetten die Lautmalerei eines nur noch provozierenden Experimentierfelds werden würde. Ein Fuß bleibt stets in der Tradition – nicht nur im Sinne einer Auffassung dieser Quartette als „Fortsetzung“ Smetanas mit drastischeren kompositorischen Mitteln, sondern auch im Sinne einer Einbindung in die große Streichquartett-Kultur dieses an hervorragenden Geigern und Cellisten so reich gesegneten Landes. Das Janáček-Quartett hüllt die Musik in einen dichten, warmen und ausdrucksstarken Klang ein. Da fühlt sie sich zuhause.

— 25. April 2007