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Von Heinz Gelking

„Der fliegende Holländer“ von Richard Wagner

Willem van de Velde d.J. (1633-1707): ‘De windstoot’.
Rijksmuseum Amsterdam

Ein verfluchter Seefahrer darf nach sieben Jahren an Land. Ein berechnender Vater dient ihm die Tochter an. Sie hat Visionen und will den Seefahrer durch treue Liebe erlösen. Ein Jäger wird von ihr fallen gelassen. Eine Amme und Spinnerinnen, ein Steuermann und Seeleute treten als volkstümliche Elemente auf. Das ist der Fliegende Holländer. Eigentlich eine ganz einfache Geschichte – unkomplizierter in der Handlung und ärmer an Personen als Tannhäuser, Lohengrin oder Die Meistersinger, vom vierteiligen Ring des Nibelungen mit seinem komplizierten Figurentableau ganz zu schweigen.

Die archaische Geschichte blickt tief in die Faltenwürfe der Seele, und vielleicht ist das Befremdlichste am Fliegenden Holländer, dass jemand nicht nur diese Musik, sondern auch dieses Libretto rund 60 Jahre vor Sigmund Freuds bedeutendsten Veröffentlichungen schreiben konnte. Als Richard Wagner sich mit Treueschwüren, Verlustängsten, Traumvisionen und Erlösungssehnsüchten beschäftigte, betrieb man in den europäischen Salons noch die Phrenologie und vermaß sich gegenseitig die Schädel, um daraus auf bestimmte Charakterzüge zu schließen – ein beliebtes pseudowissenschaftliches Gesellschaftsspiel. Wagner war da viel weiter; er hat es selbst genau gewusst. Vom Holländer an versteht er sich nicht mehr als „Verfertiger von Operntexten, sondern als Dichter“. Der Idee, er habe sich in der Figur des Erik (er = ich) selbst dargestellt, nachdem seine eigene Ehe wegen der Untreue Minnas in schweres Fahrwasser geraten war, kann man, muss man aber nicht folgen. Bemerkenswerter erscheint, dass seit Heinrich von Kleist kein Dichter deutscher Sprache mehr so nah an die Abgründe der Seele herangetreten war. Zwischen Kleist und Wagner liegt die Zeit des Biedermeier, und Wagner gehört zu ihren Überwindern.

Überhaupt, das Biografische, die Strömungen der Zeit und Wagners Quellen: Gespensterschiff-Geschichten waren in der Literatur und auf den Bühnen im Umlauf. Es gilt als sicher, dass Wagner zumindest die 1829 erschienene Novelle „Der ewige Segler“ von Heinrich Smidt sowie Heinrich Heines 1834 erschienene Erzählung „Die Memoiren des Herrn Schnabelewopski“ kannte. Wagner selbst nannte als Auslöser für den Holländer allerdings eine stürmische Fahrt von Riga nach London, während derer das kleine Schiff, auf dem Minna und er reisten, am Skagerrak in einen Sturm geriet.

Auch 1840 war Wagners Situation bedrohlich. Auf der Flucht vor seinen Gläubigern befand er sich inzwischen in Paris. Er brauchte Geld, dringend. Mit Unterstützung des dort ungeheuer erfolgreichen deutschen Komponisten Giacomo Meyerbeer versuchte er, für den Holländer einen Kompositionsauftrag von der Grand Opéra zu erhalten. Direktor Léon Pillet kaufte ihm aber lediglich die Idee ab, um sie von Pierre Louis Dietsch vertonen zu lassen – welche Demütigung! Der französische Fliegende Holländer mit dem Titel Vaisseau Fantôme wurde 1841 uraufgeführt und anschließend in die Tiefen der Musikgeschichte versenkt. Wagner schrieb seine Oper trotzdem. Am 2. Januar 1843 wurde sein Fliegender Holländer in Dresden „mit mäßigem Erfolg“ uraufgeführt.

Teil 2 dieses Artikels mit der Vorstellung verschiedener Aufnahmen finden Sie hier.

— 29. Dezember 2009