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Von Heinz Gelking

„Der fliegende Holländer“ von Richard Wagner, Teil 2

Dies ist Teil 2 des Artikels. Teil 1 finden Sie hier.

1955 dirigierte Joseph Keilberth den Holländer in Bayreuth. Die Plattenfirma Decca schnitt direkt im Festspielhaus mit. Es war das Jahr in dem auch Keilberths kürzlich “wiederentdeckter” und wegen der bedeutendsten Wagner-Stimmen der Nachkriegszeit schon legendärer, beim Plattenlabel Testament erschienener Stereo-“Ring” aufgezeichnet wurde. Hier begegnen wir wichtigen Interpreten daraus in anderen Rollen: Ludwig Weber als Daland, Astrid Varnay als Senta, Hermann Uhde als Holländer und Rudolf Lustig als Erik. Jürgen Kesting lobte Hermann Uhde; er sei “der bleiche Schmerzensmann, der vom Weltfluch Getriebene” und liefere “eine glänzende Ausdrucksstudie bei solidem Singen”. Doch es gilt auch, was im Urteil des meinungsfreudigen, aber eben auch ungeheuer kompetenten Kritikers eher am Rande anklingt: Technisch singt Uhde nicht gerade brillant. Selbst der von der Fachpresse (auch von Kesting) häufig gescholtene Theo Adam singt den Holländer wortdeutlicher, kontrastreicher und klangschöner. Aber “wie aus der Ferne längst vergangener Zeiten” zu kommen, diesen Ausdruck dämonischer Fremdheit hat wohl niemand so gut getroffen wie Hermann Uhde – nicht einmal George London, obwohl dessen Stimme noch “außerirdischer”, weil riesenhafter klingt. Astrid Varnay hatte 1955 auch die Brünnhilde gesungen (Siegfried, Walküre, Götterdämmerung), und gewiss war sie – neben Birgit Nilsson – ein führender hochdramatischer Sopran. Ihre solide Senta lässt kaum Wünsche offen, kann aber auch nicht die Vorstellung von einem zwanzigjährigen Mädchen beim Hörer hervorrufen. Verglichen mit der vokal gewiss anfechtbareren Anja Silja singt Astrid Varnay eindimensional. Die größte Enttäuschung der Keilberth-Aufnahme sind aber die Chöre. Die Mädchen am Spinnrad singen “Summ und brumm, du gutes Rädchen” als hätte man ein paar Trümmerfrauen, die mit dem Aufräumen fertig waren, innerhalb einer Woche auf Opernchor umgeschult und in Bayreuth verpflichtet. Da sind die Standards inzwischen wirklich höher, was sich ja vom Wagner-Gesang im Allgemeinen nicht unbedingt sagen lässt. Recht guter Mono-Klang – antiquarisch auf Decca-LPs, aber natürlich längst auch auf CD.

Das Beste an Franz Konwitschnys Holländer-Einspielung sind der Steuermann von Fritz Wunderlich und der grandiose Daland von Gottlob Frick. Wunderlich legt so viel Sehnsucht ins Lied des Steuermanns und singt es so klangschön, dass der an sich vollauf zufriedenstellende zweite Tenor im Holländer, nämlich Rudolf Schock als Erik, dagegen ein wenig abfällt. Auch die Senta von Marianne Schech hält – schon von der stimmlichen Grundausstattung her – dem Vergleich mit Astrid Varnay oder Leonie Rysanek nicht stand, und sie kann – anders als Anja Silja – kein überragendes Einfühlungsvermögen in die Rolle in die Waagschale werfen. Dietrich Fischer-Dieskau hat keine “Holländer-Stimme”, sofern man darunter einen “schwarzen” Heldenbariton versteht. Theo Adam, George London, Hermann Uhde – sie alle haben die größeren, ausladenderen Stimmen. Fischer-Dieskau bemüht sich mit überprononcierter Aussprache und gespreizten vokalen Gesten um eine Charakterisierung. Doch sein Holländer kommt eben nicht “aus der Ferne längst vergangener Zeiten”, sondern aus dem Deklamationsunterricht einer Schauspielschule. Er ist ein Experiment auf der Studio-Bühne. Tatsächlich vermag Fischer-Dieskaus Stimme die Rolle nicht auszufüllen. Und trotzdem ist dieses Besetzungsexperiment nicht vollkommen misslungen, denn selbst im Scheitern weiß Fischer-Dieskau der Figur des Holländers mehr Facetten mitzugeben als manche souveränere Riesenstimme. Ganz und gar nicht zwiespältig: Der Eindruck, den die Staatskapelle Berlin hier hinterlässt. Ihr dunkel-gedecktes und wundervoll differenziertes Klanggewand passt wundervoll zu Wagners Musik. Die 1960 entstandene Aufnahme bietet guten Stereo-Klang, antiquarisch auf EMI- und Eterna-LPs sowie neu auf CD.

Wagners Fliegender Holländer steht auch für eine neuartige Behandlung des Orchesterparts – vor allem die Ouvertüre ist geradezu revolutionär in ihren naturalistischen Klangeffekten: Die Darstellung von Sturm und Gewitter mit wogenden Streicherwellen, die sich am Ufer oder dem Schiffsrumpf brechen, und pfeifenden hohen Bläsern, die den Wind in der Takelage oder die Blitze über dem Meer darstellen mögen, gelingt weitaus “echter” als in der Gewitterszene von Beethovens Pastorale. Schaut man in die Partitur, dann fordert Wagner für die Ouvertüre ein Allegro con brio. Tempi sind (auch) Auslegungssache, aber zumindest Otto Klemperer und Antal Dorati entfachen in ihrer ruhigen Lesart eher einen steifen Wind als einem Sturm. Und schon habe ich Gelegenheit, die Aufnahme von Georg Solti mit dem Chicago Symphony Orchestra zu verteidigen. Solti lädt den Orchesterpart nämlich mit einer geradezu orkanartigen Dramatik auf, und ginge es allein um die Ouvertüre, so wäre seine Einspielung mit dem exzellenten nordamerikanischen Klangkörper allererste Wahl. Doch während Solti für den Ring mit wenigen Abstrichen die besten Wagner-Interpreten seiner Zeit zur Verfügung standen, muss er jetzt mit Sängern zweiten Ranges vorlieb nehmen. René Kollo ist ein hervorragender Erik und Marti Talvella immerhin ein guter Daland (wenn auch nicht so gut wie unter Klemperer), aber Norman Baileys Holländer klingt trocken, monochrom und überfordert – wer glaubt, Fischer-Dieskau habe sich am Holländer verhoben, sollte erst einmal Bailey hören und wird den deutschen Bariton gnädiger beurteilen … Janis Martin singt eine solide Senta, gewiss mit kleinerer Stimme als Rysanek oder Varnay und längst nicht so imaginativ wie Silja, aber allemal auf einem Niveau, das sie neben Kollo oder Talvela nicht abfallen lässt. Es ist und bleibt der enttäuschende Holländer, der Soltis Aufnahme zur problematischen Wahl macht.

Fünfzehn Jahre früher, nämlich 1962, hatte Decca bereits einen Stereo-“Holländer” aufgenommen, und zwar unter der Leitung von Antal Dorati mit dem Chor und Orchester des Royal Opera House Covent Garden. Die Stärke dieser Aufnahme liegt darin, dass sie über das wohl kompletteste Sängerteam verfügt – allesamt erstklassige Wagner-Stimmen. Leonie Rysanek klingt als Senta ausgeglichener und höhensicherer als Astrid Varnay (und auf jeden Fall angenehmer), aber auch souveräner als Anja Silja, Janis Martin oder Marianne Schech, die sich mit dieser Rolle jeweils an ihrer Fachgrenze bewegen. Auch Rysanek gelingt es allerdings nicht, in Sentas großer Ballade eine Zwanzigjährige darzustellen – genauso wenig wie so viele ihrer reifen Rollenkolleginnen. Giorgio Tozzi stellt einen etwas schmierigen und ziemlich witzigen Daland auf die Bühne, der hervorragend bei Stimme ist. George London singt den Holländer mit tiefschwarzem, mächtigem Heldenbariton; träge strömt sein Singen dahin und gaumig und hohl klingt es. Dieser imponierende Holländer, ähnlich fremdartig und dämonisch wie Hermann Uhdes, ist allenfalls unter dem Aspekt vokaler Finessen anfechtbar. Doratis Aufnahme hat kaum Schwächen und Ausfälle, deshalb wird sie wohl auch so oft als “Referenzeinspielung” genannt – trotz relativ zäher Tempi. Die Klangqualität dieser fast fünfzig Jahre alten Aufnahme ist recht gut.

Niemand dirigiert den Fliegenden Holländer so weihevoll und langsam wie Otto Klemperer, niemand versteht den Orchestersatz so deutlich als einen “psychologischen” Kommentar zum Gesungenen, niemand erreicht vergleichbar suggestive Wirkungen. Von Klemperers hervorragendem New Philharmonia Orchestra werden – beispielsweise in Eriks Traumerzählung – viel tiefere Schichten zum Klingen gebracht als bei einem “Naturalisten” wie Solti. Ernst Kozub singt den Erik dramatisch engagiert und dynamisch differenziert. Einen glaubwürdigen und stimmlich prachtvollen Daland gibt Marti Talvela. Theo Adam ist ein Holländer, dem vielleicht das Dämonische und die Schwärze fehlt, der aber dennoch vom Volumen her viel eher ein Anrecht auf Wagner-Partien hat als Dietrich Fischer-Dieskau. Adam singt den Holländer wirklich; er formt Worte, Phrasen, Bögen. Ihm steht das Differenzierungsvermögen eines Oratoriensängers zur Verfügung – und er nutzt es eindrucksvoll. Schließlich Anja Silja als Senta; ihr Defizit ist schnell benannt: Varnay und Rysanek haben die bei weitem tragfähigeren Stimmen. Anja Silja bewegt sich hier ganz klar an der Grenze dessen, was ihrer Stimme möglich ist. Aber wohl keine Sängerin der Schallplattengeschichte hat eine so junge und so hysterische Senta dargestellt. Das Duett zwischen Erik und Senta gehört zu den großen Momenten imaginativen Singens auf Tonträgern. Da entsteht vor dem Hörer wirklich das Bild einer Wahnsinnigen, die nur noch einer Vision folgt und an Erik vollkommen vorbei singt. Klemperers Fliegender Holländer ist wegen der langsamen Tempi und wegen der Senta von Anja Silja vielleicht der riskanteste der Aufnahmegeschichte. Ich halte ihn aber auch für den hörenswertesten. Die Klangqualität der 1968 von EMI realisierten Aufnahme ist sehr gut.

— 31. Dezember 2009