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Von Heinz Gelking

”Der Freischütz” von Carl Maria von Weber in historischen Aufnahmen

Carl Maria von Weber brachte 1821 in Berlin seinen Freischütz zur Uraufführung – die erste Oper der Romantik. Darin biedermeierlicht es nicht nur zwischen Jägerchor und Jungfernkranz, sondern auch das Phantastische und das Unheimliche halten Einzug.

(Quelle: Briefmarke der Deutschen Post der DDR, 1986, gemeinfrei, gefunden im Wikipedia-Artikel über Carl Maria von Weber)

Eine ideale Aufnahme müsste dieser Doppelbödigkeit – dem Volkstümlichen hier, dem Übernatürlichen dort – gerecht werden. Der französische Komponist Héctor Berlioz charakterisierte den Freischütz treffend: “Aber die Poesie (des Freischütz) ist voll von Bewegung, Leidenschaft und Gegensätzen. Das Übernatürliche bringt darin eigentümliche, heftige Wirkungen hervor. Die Melodie und die Harmonie im Verein mit dem Rhythmus donnern, brennen, leuchten. Alles vereinigt sich, um die Aufmerksamkeit zu erregen. Außerdem erwecken die Personen, die aus dem gewöhnlichen Leben gegriffen sind, mehr Sympathie; die Beschreibung ihrer Gefühle, die Darstellung ihrer Sitten erlauben die Anwendung eines weniger hohen Stiles, der, durch eine ausgezeichnete Ausarbeitung belebt, auch für die, welche wohlklingende Spielereien verachten, einen unwiderstehlichen Reiz hat und der Menge in dieser Ausschmückung als das Ideal der Kunst und das Wunder der Erfindung erscheint.”

Nebenbei: Klingt Berlioz’ Zeugnis nicht wie ein Manifest der romantischen Kunst schlechthin?

Joseph Keilberth stand 1958 für seine Aufnahme (EMI WALP 537/39) ein seitdem wohl nicht mehr übertroffenes Ensemble zur Verfügung, aus dem die warmherzige Agathe von Elisabeth Grümmer und das alle Ängste mit leichtem Sinn überspielende Ännchen von Lisa Otto herausragen, das aber auch in allen übrigen Partien glänzend besetzt ist und vor allem mit Rudolf Schock den “komplettesten” Max aufbietet, auch wenn Nicolai Gedda die Partie glanzvoller und Peter Schreier sie feiner gesungen haben mag. Keilberth dirigiert ohne Umschweife ins Herz der Musik. Er ist kein Revolutionär, niemand der sich auf Entdeckungsreise nach unerhörten Klängen macht, so wie Carlos Kleiber, aber allemal jemand der das Volkstümliche der Partitur ebenso überzeugend auskostet wie er dem Auftritt des Dämonischen in der Wolfsschlucht Klang zu geben weiß. Die Berliner Philharmoniker sind dabei ganz auf seiner Seite.

Dem gegenüber fällt die 1959 von Eugen Jochum eingespielte Aufnahme etwas zurück (DG SLPEM 136221). Vor allem geht die viel versprechende, weil gegensätzlich angelegte Besetzung der Agathe durch Irmgard Seefried und des Ännchens mit Rita Streich nicht auf. Wer Irmgard Seefried aus anderen (zugegeben, in jüngeren Jahren entstandenen) Aufnahmen kennt, merkt der sonst so warm und anrührend klingenden Stimme (damals die einzige Alternative zu Elisabeth Grümmer) hier Anstrengung und Überforderung an, während das von Rita Streich verkörperte Ännchen mit leichtem Sinn über alle Ängste spielerisch hinweg singt – ein perfektes und charmantes Rollenportrait, neben dem Agathe hier leider (fast buchstäblich) ein wenig alt aussieht… Eine Stärke der Jochum-Aufnahme liegt aber in der ausdrucksstarken, wahrhaft dämonisch wirkenden Darstellung des Kaspar durch Kurt Böhme. Jochums eigene Leistung ist durchwachsen. Die Ouvertüre klingt streckenweise wie spätromantische Sinfonik, weil er jedes Streichertremolo und jede Holzbläserstimme weich in den Klang einbindet. Transparenz und Präzision sind jedenfalls keine auf diese Einspielung zutreffenden Attribute. Auf der anderen Seite haben die Volkschöre Schwung und die Wolfsschlucht-Szene Thrill. Jochum, so könnte man pauschalieren, dirigiert den Freischütz wie die zweite große „Gespenster-Oper“ der Romantik, nämlich den Fliegenden Holländer von Richard Wagner. Der hatte sich ja tatsächlich bei Weber mehr als nur eine Prise Inspiration geholt.

Warum findet Robert Hegers 1969 etwas spannungsarm und vor allem langsam dirigierter Freischütz – zum Beispiel mit einem Walzer für eingeschlafene Füße im 1. Akt – hier überhaupt Erwähnung? Ein Grund liegt im Singen von Nicolai Gedda. Man nehme ihm den Jägerburschen nicht ab, er singe zu elegant und auftrumpfend, lautete verbreitete Kritik. Das stimmt, geht aber auch am Kern dessen vorbei, was Oper ist. Aber warum soll Max denn unbedingt klingen wie ein Naturbursche, dem man das Singen beigebracht hat? Geddas Darstellung ist sicher stilisierter, opernhafter, “künstlicher” als diejenige von Rudolf Schock. Aber Oper ist per se nicht “realistisch”, sie ist immer künstlich – noch viel künstlicher als das Theater mit seinen Sprechrollen. Wenn man diesen Kunstcharakter akzeptiert, dann bekommen Geddas Stärken mehr Gewicht: das schöne Stimmaterial, die gute Technik, die Interpretation im Sinne einer bewusst gestalteten und nicht nur “nachempfundenen” Aufführung der Partie. Außerdem habe ich großes Erstaunen über Birgit Nilsson. Sicher, die Wagner-Heroine hat, was oft vergessen wird, sogar Mozart-Rollen auf Schallplatten gesungen. Trotzdem muss man sie dafür bewundern, wie sie ihre Isolden-Stimme hier an die Partie der Agathe anpasst. Die scheinbare so widersinnige Besetzung geht gut auf. Und das letztes Argument: Die LP-Kassette mit der Katalog-Nr. EMI 1C065-28351/53 klingt besser als alle anderen Einspielungen.

Und schließlich Carlos Kleiber, der Dirigent, der immer alles anders (und oft richtiger) macht, weshalb bekannte Stücke bei ihm wirken wie nie zuvor gehört. Wie geht er den Freischütz an? Er spreizt die Ausdruckmittel. Schnelle Tempi sind bei ihm schneller als bei Keilberth oder Jochum. Das Laute ist lauter und das Leise leiser. Das Spiel des Orchesters – der fantastischen Staatskapelle Dresden! – entspricht Berlioz’ Beschreibung des Freischütz vollkommen: Die Musik donnert, brennt und leuchtet. Nicht Kleiber ist das Genie dieser Aufnahme, sondern – Carl Maria von Weber. Dessen Partitur enthält nämlich Aufregenderes als die anderen Dirigenten, die “Kapellmeister” uns zeigen. Peter Schreier verhöbe sich auf einer realen Opernbühne mit seiner Rolle vielleicht – in dieser Studioproduktion singt er zwar hart an der Grenze seines Fachs (der Stimme fehlt es an Gewicht und Tragfähigkeit), aber eben auch mit viel Feinsinn einen Max, der unter lauter “Viktoria” rufenden, robusten Landleuten wie ein Fremder wirkt. Ein sensibler Mensch – kein Held. Damit ist Max gut getroffen. Gundula Janowitz als Agathe und Edith Mathis als Ännchen sind großartig. Eine totale Fehlbesetzung dagegen: Theo Adam mit grauem, rauem Bass als Kaspar. Kaspar darf als Gegenspieler von Max und abgewiesener Werber um Agathes Hand nicht klingen als wäre er so alt wie der weise Eremit, der am Ende alles zu einer Lösung führt, bei der die Bösen bestraft und die Guten gerettet sind und Max noch einmal eine Chance erhält. Eine Chance geben sollte man auf jeden Fall der LP-Kassette der DG mit der Nummer 2720071 – am besten als “Zweitaufnahme” neben der Einspielung von Keilberth.

Anmerkung: Als ich den Artikel vor einigen Jahren schrieb, wandte ich mich – nicht ausschließlich, aber doch vorwiegend – an LP-Sammler. Für eine Wiederveröffentlichung, zumal im Internet, schien es mir aber sinnvoller, die jeweiligen CD-Ausgaben abzubilden.

—  5. Dezember 2010