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Von Heinz Gelking

Der Pianist als Lyriker als Rezitator: Alfred liest Brendel

Wer sich ein wenig für die Arbeit von Alfred Brendel interessierte, der wusste schon lange, dass der weltberühmte Pianist mehr als nur „nebenbei“ auch schreibt. Seine in Büchern wie „Nachdenken über Musik“ oder „Musik beim Wort genommen“ gesammelten Essays und Vorträge sind fast so originell wie die Schriften von Glenn Gould – der wohl einzig statthafte Vergleich zwischen diesen beiden sonst ganz gegensätzlichen Pianisten.

Aber Brendel schreibt nicht nur über Musik. Er ist auch ein Lyriker mit Ambitionen. Zuletzt erschien 2003 im Carl Hanser Verlag die Gedichtsammlung „Spiegelbild und schwarzer Spuk“. Die 120 Gedichte, welche er auf seiner neuen Doppel-CD – Alfred liest Brendel, Vol.2 – vorträgt, stammen überwiegend daraus. Sie handeln von Engeln und Teufeln, von Klavieren, Kunsttouristen, Krallenhänden und Kröpfen. Ohne Reim und regelmäßiges Metrum, in einem an Aphorismen und Anekdoten erinnernden Stil, der auf überraschende Wendungen setzt, kommen sie daher. Brendel hat Humor, und zwar eher von der anarchistischen als der subtilen Sorte. Er kratzt gerne an Denkmälern, wie dem „altersblöden Haydn“, und meidet weder morbide noch erotische Themen, vor allem aber stürzt er sich – skeptisch und spöttisch, aber auch mit Lust und Sympathie – auf die Religion: „Nicht auszudenken/ wie Gott aus den Details/ in denen er steckt/ jemals wieder herausfinden soll“.

Als Rezitator seiner eigenen Texte ist Brendel übrigens eine Wucht. Der Witz seiner Texte spiegelt sich in seinem Vortrag wieder. Die Plattenfirma schreibt ihm übrigens ein „plastisches, mährisch gefärbtes Altösterreichisch“ zu. Dabei nimmt der leichte, weiche Dialekt mancher Bosheit die Spitze. Der lebendige Plauderton macht Freude.

MDG Special 8017596-2

— 20. Januar 2010