Platte11

Von Heinz Gelking

Die Bruder-Klaus-Kapelle von Peter Zumthor

Die Strecke von Lothringen ins Ruhrgebiet durch die Eifel fahre ich zwanzig Mal im Jahr. Und seit drei Jahren hatte ich mir vorgenommen, da mal anzuhalten. Jetzt habe ich’s getan und ein paar Fotos mitgebracht.

Erstaunlich, innen sieht es total anders aus als von außen. In dieser schrundigen, vom Feuer geschwärzten Wand haben 120 aufrecht stehende Fichtenstämme ihren Abdruck im rohen Beton hinterlassen und Hohlkehlen gezogen. Mein Blick folgt ihnen in die Höhe, zum runden Lichteinlass. Eine Pfütze auf dem Boden offenbart, dass das da oben tatsächlich kein Fenster, sondern ein schlichtes Loch ist. Über mir nur der Himmel. Aber im Gegensatz zum Regen fällt das Licht kaum von da bis hier unten. Apropos Himmel: Der höhlenartige Raum hat Wände mit unzähligen, von Glaspfropfen verstopften Löchern – der gestirnte Himmel über mir. Mickrig leuchten die Sterne. Zugleich fühle ich mich wie in einem Tipi. Wer hat zu viel Karl May gelesen?

Vermutlich weder der Architekt, noch sein Auftraggeber. Ein Landwirt aus der Gegend hat dieses Gebäude initiiert; Peter Zumthor hat es geplant und seine Realisierung begleitet. Das Bauprinzip war denkbar einfach – fast genial einfach. Die Fichtenstämme, von denen schon die Rede war, wurden so ähnlich wie bei einem Wigwam zusammengestellt. Dann wurde über sie in mehreren Schichten ein polygonaler Betonstumpf errichtet, dessen Form mich ein wenig an den Donjon von Quéribus erinnert. Anschließend wurde das Holz im Innern so lange ausgekohlt, bis die verbrannten Holzstämme dünn genug waren, um nach oben raus gezogen werden zu können. Es muss hier wochenlang wie in einer Köhlerhütte gerochen haben.

Wo bin ich? In der Nordeifel, in hügelliger Landschaft, auf einem Acker. Dieser Fleck hier oben soll nicht mit dem Auto angefahren werden. Darum steht meines unten am Dorfrand auf einem Parkplatz neben zwei Dixi-Klos. Ich habe von da etwa 15 Minuten Fußmarsch hügelan hinter mir. Aber es hat sich gelohnt: Die Bruder-Klaus-Kapelle bei Mechernich beziehungsweise Wachendorf ist ein Wallfahrtsort. Ein Wallfahrtsort für Architektur-Fans, um genau zu sein. Auch wenn die Stifter-Familie schreibt, dass diese Feldkapelle als Reiseziel ausschließlich architektonisch Interessierter nicht beabsichtigt sei, so sind wir doch viele an diesem schönen Sonntagnachmittag, die sich weniger durch Bruder Klaus als vielmehr durch Peter Zumthor hierher gezogen fühlen. Entsprechend werden überall Kameras in die Höhe gehalten und Perspektiven geprüft. Übrigens, der Motivation der Stifterfamilie geht dieser Tagesspiegel-Artikel nach.

Warum keine Bilder aus dem Innern der Kapelle? Erstens ist das Fotografieren darin unerwünscht, da hält sich nur leider niemand dran (aus meiner Sicht ein klarer Fall von Hausfriedensbruch und eine ziemliche Respektlosigkeit, zumal die Kapelle nicht öffentlich, sondern privat finanziert ist, aber das nur nebenbei). Zweitens befand sich gerade eine Familie darin, die offenbar nicht wegen der Architektur hier war, sondern um zu beten. Da schien es mir besonders indiskret, in dem kleinen Innenraum auch noch zu fotografieren. Drittens gibt es da draußen im Internet schon so viele Bilder, auch vom Innenraum, dass die Welt ganz gewiss meine nicht braucht. Zumal ich als einfacher Hobby-Fotograf ohnehin weder die Kenntnisse, noch die Ausrüstung habe, um das Innere eine solchen Höhle mit ihren enormen Helligkeitskontrasten adäquat zu fotografieren.

Ein Zusammenhang geht mir nicht aus dem Kopf. Er beruht auf reiner Vermutung, noch in keinem der vielen über diesen Sakralbau erschienenen Artikel fand ich ihn bestätigt: Peter Zumthor baute bekanntlich gerade am Kolumba, dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln, als ihn die Anfrage nach einem Entwurf für die Bruder-Klaus-Kapelle erreichte. In dieses Museum wiederum wurde eine von Gottfried Böhm erbaute Kapelle integriert. Damit wird Peter Zumthor sich gewiss auseinander gesetzt haben. Gottfried Böhm hat in den sechziger Jahren einige Kirchenbauten errichtet, in denen eine höhlenartige Stimmung herrscht. Drei Elemente bringen sie hervor: Wände aus Sichtbeton, unregelmäßige Formen, sparsamer Lichteintritt über schmale Einlässe. Man kann das am Wallfahrtsdom in Neviges, wohl Böhms bekanntestem Werk, aber auch an zwei Kölner Kirchen (Christi-Auferstehung und St-Gertrud) erleben. Hat Peter Zumthor bei der Bruder-Klaus-Kapelle diese Ideen von Gottfried Böhm aufgegriffen und mit doppelter Radikalität und vierfachem Mut noch einmal umgesetzt: einfacher Stampfbeton, ein undichtes Dach, schartige Wände, weder elektrisches Licht, noch Sanitäranlagen? Auf dem Hügel bei Wachendorf steht jedenfalls eher eine Einsiedlerhöhle als eine Kapelle.

—  8. Oktober 2010