Platte11

Von Heinz Gelking

Die fetten Jahre sind vorbei

Jan (Daniel Brühl) und Peter (Stipe Erceg) brechen nachts in Villen ein und verrücken die Möbel. So bekämpfen sie den Kapitalismus und verbessern die Welt. Denken sie. Jule (Julia Jentsch) kommt hinzu. Sie wirkt nicht so dumm als würde sie ohne Versicherungsschutz Auto fahren; sie hat es aber trotzdem gemacht. Wenn man dabei auch noch im Handschuhfach kramt und einen Unfall baut, können 90000 Euro Schaden an einer S-Klasse drücken. Der Mercedes-Fahrer ist also ein Bonze, womit für Jule auch die Schuldfrage geklärt ist: er natürlich. Weil das Gericht das anders sah, muss Jule in einem Nobelrestaurant arbeiten, um den Schaden abzustottern – eine Zumutung, ganz klar. Die Etepetete-Gäste des Restaurants sind die reinsten Karrikaturen, und der Restaurant-Chef entlässt am liebsten Leute. Hier bekommen wir von Hans Weingartner (Regie) mit dem Holzhammer eingebläut, wie sie sind, die bösen, bösen Kapitalisten. Da wissen wir auch gleich, auf welcher Seite wir stehen müssen.

Es kommt über drei Ecken und Zufälle dazu, dass der Bonze von Jule, Jan und Peter entführt wird. Ein Film über Terrorismus? Nein, diesen Anspruch hat Die fetten Jahre sind vorbei gar nicht. Ärgerlich nur, dass Weingartner trotzdem verharmlosend mit den Requisiten des Themas spielt: dem S-Klasse-Mercedes, der Überwachungstechnik, der Pistole, den Spezialeinheiten der Polizei, dem Konsum „leichter“ Drogen, den Anzügen und 70er-Jahre-Sonnenbrillen am Filmende. Noch ärgerlicher, dass auch die Handlungsmuster des Terrorismus’ zitiert werden: Auf die Entführung folgt in den Bergen (hier gemütlich beim Wein) der „Prozess“ gegen das Entführungsopfer – Justus Hardenberg kann seine Unschuld allerdings damit beweisen, dass er auch mal kifft und auch mal jung war und auch mal die Welt verbessern wollte. Dazwischen die Parolen über das böse Kapital, die verdummenden Medien, die Ohnmacht der Recht-Habenden, aus der sie ihr Recht zur Gewalt ableiten. In Die fetten Jahre sind vorbei geht alles ganz glimpflich ab, denn die drei Entführer sind ja wirklich lieb, und es stellen sich Friede, Freude und Eierkuchen ein. Hans Weingartner sind seine jungen Protagonisten zu sympathisch, als dass er ihre Selbstherrlichkeit entlarven würde. So bleibt es Jule vorbehalten, später einsichtsvoll die treffende Analyse zum Geschehen abzuliefern – womit die Sympathie ja auch nur ein weiteres mal den Entführern zugeschoben wird.

Dabei wäre es problemlos möglich gewesen, dem Film doppelte Böden und doppelte Perspektiven einzuziehen. Er hat nämlich zwei Szenen, in denen junge Weltverbesserer auf „Normalbürger“ in der Gestalt von Turnschuh-Verkäufern und Fahrkarten-Kontrolleuren treffen. Da hätte man was draus machen können. Wenn man die „kleinen Leute“ allerdings wieder einmal nur als „Handlanger des Kapitals“ zeigt, dann will man wohl nur einen eindimensionalen Film machen, in dem die Sympathien klar verteilt sind.

Vielschichtig, komplex und schillernd erscheint dagegen Justus Hardenberg, von Burghart Klaußner großartig gespielt. Jener Mercedes-Fahrer, dem Jule so viel Geld schuldet, zeigt bald, warum er irgendeiner Firma 3,4 Millionen Euro im Jahr wert ist. Er ist nämlich mit allen Wassern gewaschen. Er lügt am Telefon wie gedruckt. Er spielt die jungen Leute gegeneinander aus. Er ist abgezockt durch Erfahrung, Alter, Anpassungsfähigkeit, Schläue, Skrupellosigkeit. Eine locker hingeworfene Frage reicht ihm, um einen Keil zwischen Jan und Peter zu treiben und das Gleichgewicht zu seinen Gunsten zu verschieben. So macht man Karriere. In der Charakterisierung Hardenbergs blitzt auf einmal brillant inszenierte Gesellschaftskritik aus dem Film hervor. Davon hätte man sich mehr gewünscht, viel mehr. Die jungen Leute aber drechseln nur Parolen. Sie reden wie Oberstufenschüler. Immer dann, wenn der Film die Perspektive auf das Private um Jule, Jan und Peter verengt, wird er das, was er vermutlich auf keinen Fall werden sollte: unglaublich spießig nämlich, bis hin zur Anbiederung ans Genre des Teenager-Films. Dass Jule am Ende bei Jan landet, wissen wir ohnehin sofort. Die Szene der ersten Annäherung, draußen, nach dem gemeinsamen Renovieren, hat allerdings Charme: Da weiß der Zuschauer mehr als die Figuren, wenn sie vorsichtig nach Gründen suchen, zusammen zu bleiben. Für ein paar Minuten erlebt man, wie gut die beiden inzwischen (durch andere Filme) ziemlich berühmt gewordenen Jungschauspieler sind. Warum es allerdings – wie bei hundert Filmpaaren vor ihnen – im Swimmingpool zum ersten Techtelmechtel kommt, lässt sich wohl nur mit der Ideenarmut der Drehbuch-Autoren begründen. Später, in den Bergen, landen die beiden, obwohl ein Wohnmobil zur Verfügung steht, übrigens wieder im Wasser – tolle Idee, hatten wir ja schon lange nicht mehr. Na ja, ein Teenager-Film eben.


Vielleicht war im öffentlich-rechtlich aufgebesserten Budget am Ende noch etwas Geld da. Das wollte man verbraten. Also hat Weingartner der Crew noch ein paar Tage Spanien spendiert. Dieser Schluss überrascht, wirkt aber auch wie angeklebt. Großes Kino? Trotz Cannes-Einladung und einer imponierenden Liste begeisterter Kritiken: Nein. Irgendwann wird man Die fetten Jahre sind vorbei wohl im Fernsehen gucken können. Da gehört der Film auch hin. Und bitte um 20.15, damit alle globalisierungsbewegten Oberstufenschüler am nächsten Morgen hellwach ihre Politik-Klausuren beim Alt-68er schreiben können. Der Rest verpasst wenig. Es gibt großartige Filme zu „linken“ Themen. Aber die kamen in den letzten zehn, zwanzig Jahren fast alle aus Großbritannien. Muss das so bleiben?

Die fetten Jahre sind vorbei

Regie: Hans Weingartner
Schauspieler: Julia Jentsch, Daniel Brühl, Stipe Erceg, Burghart Klaußner
Drehbuch: Katharina Held, Hans Weingartner
Musik: zielgruppenkompatibel
Universum Film 82876684909
Spielfilm-DVD
Sonstiges: Überlänge, ca. 126 min

— 23. April 2007