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Von Heinz Gelking

Die Galerie David d'Angers

Die wenigsten Frankreich-Touristen kommen bis nach Angers und damit in die Hauptstadt des Départements Maine-et-Loire. Offenbar bleiben viele Kulturreisende bei den berühmten Schlössern und Weinanbaugebieten aufwärts der Loire hängen und die Strandurlauber lassen sich auf dem Weg zur Atlantikküste zwei Stunden vor dem Ziel ohnehin nicht mehr aufhalten. Wer dennoch in der schönen Stadt an der Maine (so heißt das kurze Stück Fluß, das sich im Norden von Angers durch den Zusammenfluss von Mayenne und Sarthe bildet und im Westen in die Loire einmündet) einen Halt macht, der sollte nicht nur das imposante Schloss mit seiner 30 Meter hohen Umfassungsmauer und den 17 Wehrtürmen besichtigen, sondern sich von dort aus noch 500 Meter weiter in Richtung Innenstadt begeben, wo sich ein außergewöhnlicher Ausstellungsraum befindet: Die Galerie David d’Angers.

Sie entstand 1984 durch den Umbau einer zur Ruine herunter gekommenen Abteikirche, die während der französischen Revolution von der Armee besetzt worden war. Erst 1968 gab das Militär den Besitz auf. Zu diesem Zeitpunkt bestand die Kirche mit dem 30 Meter langen Hauptschiff nur noch aus ihren Außenmauern mit schwer beschädigten Giebelwänden. Die Innenausstattung der Kirche war zerstört, das Tonnengewölbe des Hauptschiffs eingefallen und ein Dach längst nicht mehr vorhanden.

Ab 1980 trieb der Architekt und Denkmalpfleger Pierre Prunet ein anspruchsvolles Restaurierungskonzept voran: Einerseits sollte der Ruinencharakter der Abteikirche erhalten bleiben, andererseits sollte aber auch ein funktionierender Ausstellungsraum entstehen. Dazu ließ er die Giebelspitzen mit dunklem Schiefer, der sich deutlich vom hellen Tuffstein der Mauerreste unterscheidet, wieder aufmauern, fügte klares Glas in sämtliche Fensteröffnungen ein und setzte der Kirche ein Dach aus Stahl und Glas auf. So entstand ein lichtdurchfluteter Raum, in dem seit 1984 die von David d’Angers geschaffenen Figuren unter optimalen Bedingungen ausgestellt werden können: Sie stehen im Tageslicht (dafür waren sie entworfen worden) und sie stehen geschützt (denn bei den in Angers ausgestellten Skulpturen handelt es sich um Gipsabdrucke und Gipsmodelle aus der Werkstatt von David d’Angers; die wetterfesten Originale aus Marmor oder Bronze lieferte er natürlich den Auftraggebern).

David d’Angers (1788-1856) beschrieb sich übrigens so:
Ich habe einen dicken Kopf mit dichtem blonden Haar. Meine Augen sind verdeckt und mein Blick verrät, dass ich viel gelitten habe. (...) Vom Typ her bin ich ein Mann des einfachen Volkes, gehöre aber zu der Art Volk, das für die Freiheit kämpft.

Sein Vater hatte in Angers eine Möbeltischlerei und betätigte sich auch als Holzschnitzer. David arbeitete bei ihm, nahm Zeichenunterricht und ging mit zwanzig Jahren nach Paris an die Ecole des Beaux Arts. Der junge Mann machte dann sehr schnell eine bedeutende Karriere – vergaß über den Erfolg aber niemals seine Herkunft. Von Anfang an hatte er seine Heimatstadt immer wieder mit Gipsmodellen und anderen Materialien bedacht, die nach dem Abguss oder der Anfertigung von Skulpturen übrig geblieben waren. Auf diese Weise kam eine relativ umfangreiche Sammlung von Statuen, Büsten, Reliefs und Zeichnungen zusammen.

David d’Angers war ein engagierter Republikaner: Der Bürger kommt vor dem Künstler, lautet meine Devise. Tatsächlich lässt er sich 1848 in die Nationalversammlung wählen und geht nach dem Staatsstreich von 1851 (Charles Louis Napoleon Bonaparte löst am 2.12. die Nationalversammlung auf) nach Belgien ins Exil. Seine politische Haltung schlug schon Jahrzehnte vorher auch im Künstlerischen durch: Ich habe Marmor und Bronze für das Genie, die Tugend und den Heldenmut, aber nicht für die Tyrannen und die Rothschilds. Aus eigenem Antrieb reiste er schon um 1830 durch halb Europa, um Dichter und Denker, Künstler und Politiker zu portraitieren – neben Franzosen wie Balzac, Hugo und Stendhal zeigt die Galerie David d’Angers beispielsweise auch Büsten von Boerne, Goethe, Humboldt und Tieck. Besonders aussdrucksstark gelang ihm Niccolò Paganini.

Anschrift:
Galerie David d’Angers
33, bis rue Toussaint
49100 Angers

(Dieser Text wird irgendwann in eine noch einzurichtende Kategorie “Museen und Ausstellungen” verschoben.)


— 22. August 2008