Platte11

Von Heinz Gelking

Dona Rosa: Alma Livre

Jemand hat mir erzählt, dass die chinesischen Köche bei uns ihre Speisen entschärfen. So werden Sie auch für Mitteleuropäer bekömmlich. Viele Sänger machen das genauso. Sie schmecken ihre Musik entsprechend ab. So, dass sie auf dem mitteleuropäischen Markt funktioniert. Dona Rosa nicht. Das klingt immer noch wie von der Straße. Und die Musik kann nirgendwo anders herkommen als tief aus dem Süden. Die als Kind erblindete Portugiesin singt aus trockener Kehle, hart und nicht schmeichelnd. Manchmal klingt das schon nach Nordafrika. Dona Rosa wanzt sich nicht an den Hörer ran. Sie hat keine Stimme für die globale Fahrstuhlmusik wie – sagen wir mal, ja wie zum Beispiel Norah Jones.

Alma Livre heißt “freier Wille” und ist ihr drittes Album. Bevor André Heller sie 1999 mit dem Projekt Stimmen Gottes bekannt gemacht hat, bestritt die Sängerin ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Lotterielosen und als Straßenmusikerin in Lissabon. Sie begleitete sich mit einer Triangel. Heute kann sie verschiedene Gitarristen und eine Perkussionistin, ein Akkordeon und eine Geige um sich versammeln. Aber es gibt kein aufgeblähtes “Sound-Design”. Das klingt immer noch authentisch, so als hätte eine Sängerin sich ein paar Leute gesucht, mit denen sie auf einer Wellenlänge liegt, um Musik zu machen. Und so ist es ja wohl auch. Die Tontechnik hat es übrigens prima hingekriegt, diese Stimmung zu konservieren, man könnte fast von einer audiophilen Produktion sprechen. Aber damit käme Dona Rosa in die komplett falsche Schublade.

Überhaupt: Schubladen gefällig? Natürlich denkt man bei portugiesischer Musik an den Fado. Und auch Dona Rosas Lebengeschichte lädt dazu ein, sie in die Schublade zu packen, deren Inhalt man als portugiesischen, urbanen Blues beschreiben könnte. Aber Alma Livre klingt gar nicht schwermütig: “Glücklich sind diejenigen, die ankommen, ohne ertrunken zu sein” (aus: Esmeralda Verde von Florencio Carvalho).


Dona Rosa ist angekommen. Wer Ordnungssysteme braucht, kann sie unter Volksmusik einsortieren – die echte, nicht den volkstümlichen Schlager. Fado klänge viel zu sehr nach dem Edel-Portugiesen in der Altstadt mit dem frischen Fisch und den Cabrios vor der Tür. Volksmusik aus Portugal. Man wünscht Dona Rosa, mit dieser CD so viel Geld zu machen, dass sie sich ein Haus an der Küste kaufen kann, wo sie das Meer hören und die Blumen riechen kann. Sie hätte es verdient. Und bestimmt würde sie von da neue Lieder mitbringen, darüber wie das Leben ist: hart und schön.

Hörproben gibt es hier.

Die CD ist bei Jaro erschienen: Jaro 4282-2

— 20. September 2007