Platte11

Von Heinz Gelking

Joe Jackson: Body and Soul

Joe Jackson

Heute gibt es überall Sushi-Bars. Aber im Sommer 1983 war sowas vermutlich selbst in L.A. ein etwas versnobter Ort. Joe Jackson und David Kershenbaum trafen sich dort, tranken viel Sake und kamen ins Philosophieren. Es ging um den als steril empfundenen Klang moderner Pop-Produktionen. Wer erinnert sich nicht mit Schaudern an die ersten Digital-Aufnahmen aus den frühen 80ern und ihr krustiges Klangbild? Jackson und Kershenbaum wollten alles besser machen.

“Body and Soul” entstand darum nicht in irgendeinem x-beliebigen Studio. Jackson und Kershenbaum suchten einen Tanzschuppen oder ein kleines Theater in New York City und besichtigten dutzende Lokalitäten, bis sie in der Nachbarschaft der Vanguard Studios einen Raum fanden, der gewöhnlich für Klassik-Aufnahmen genutzt wurde. Dort wurden zwei historische Neumann M-50-Mikrofone aufgestellt, um den explosiven Klang in dem aus Holz und Stein gebauten Raum aufzuzeichnen. Zusätzlich bekam jedes Instrument in der Band auch ein eigenes Mikrofon, um beispielsweise Flöte und Schlagzeug am Mischpult in Balance bringen zu können. Aufgenommen wurde mit einem digitalen System von 3M, das über 32 Spuren verfügte. Zwar hatten Jackson und Kershenbaum die Bedingungen in Frage gestellt, unter denen Pop-Musik eingespielt wurde, aber nicht die eigentliche Aufzeichnungstechnik. Auf das Digital-Equipment war man stolz, und “Body and Soul” trägt seinen Digitally recorded and mastered-Schriftzug wie ein Qualitätsversprechen. So war das damals auch wohl gemeint.

Die Musik war das Gegenteil von Punk: elitär, gediegen und schön. Das macht schon ein Blick auf die Instrumente deutlich. Neben die jedem Glamour unverdächtige Kombination aus Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboard traten Violine, Flöte, Saxophon Trompete, Flügelhorn und Klavier sowie zwei Sängerinnen. Joe Jacksons ausgefeilte Arrangements gaben der Musik einen Bigband-Sound, der weder in Schulen, noch in Diskotheken gepasst hätte. Und ein rein instrumentales Stück wie Lousaida, mit dem die zweite LP-Seite beginnt, sprengte alle Formate üblicher Playlists. Joe Jackson, der ehemalige Student am Royal College of Music, verstand es als Ouvertüre. Er ließ Saxophon und Klavier ausgedehnt dialogisieren, aber nicht frei, sondern weitgehend festgelegt. Seine Musik trägt das Klanggewand des Jazz, aber sie ist es ihrer inneren Struktur nach natürlich nicht. Das fette Blechbläser-Intro von You can get what you want (till you know what you want) ändert daran genauso wenig etwas, wie das wunderschöne Flügelhorn-Solo auf Not here, not now. Das sind nur Versatzstücke, Zitate, Reminiszenzen. Sogar das Coverfoto ist ein Zitat. Irgendwie ist diese Musik aus der Sushi-Bar in L.A., wo die Platte ihren Anfang nahm, nie ganz heraus gekommen. Wenn man sie unbedingt in einer Tradtion sehen will, dann am ehesten in der Tradition amerikanischer Entertainer wie Frank Sinatra. Die Musik stammt aus einer Zeit, in der man eine Karriere machen konnte, weil man ein guter Musiker mit guten Ideen war, und nicht aus Gründen, die jedenfalls außerhalb der Musik liegen: Video killed the Radio Star. Joe Jackson hat sich mit erstklassigen Leuten umgeben, und jeder bekommt auf dieser LP irgendwo Gelegenheit, sein Können zu zeigen. Das zeichnet einen guten Arrangeur aus.


Und die Aufnahmequalität, dieses so ambitioniert produzierten Albums? – Die verschiedenen Perkussionsinstrumente in Cha Cha Loco stehen wie festgepinnt und in glaubwürdigen Abständen und Größenverhältnissen zueinander an ihrem Platz. Das Klangbild zeigt einen fein dosierten Nachhall der Instrumente, so dass sich ein Bühnen- und Raum-Eindruck ergibt. Und Joe Jacksons Arrangements sind jederzeit gut durchhörbar. Man merkt, dass hier keine Tonspuren aus dem Studio aneinander gekleistert wurden. Aber die Aufnahme klingt trotzdem nicht wirklich gut. Das Klavier hat wenig Substanz und wirkt dürr und stählern und Joe Jacksons Stimme klingt seltsam körnig und brüchig, vor allem in Happy Ending, einem wunderschönen Duett mit Elaine Caswell, vermutlich dem bekanntesten Song dieser LP. Mein Verdacht: Body and Soul wurde einfach zu puristisch aufgenommen und abgemischt. Warum hat man dem mageren Klavier nicht so einen schönen, tragend-poppigen Klang beigebogen wie man ihn von Aufnahmen Billy Joels oder Elton Johns kennt? Hätte man Joe Jacksons Stimme nicht ebenfalls mit ein paar Studio-Tricks ein wenig auf die Sprünge helfen können? Und dann ist da ein kühler Hauch von Sterilität im Klangbild. Ja, genau: Ausgerechnet das, was Jackson und Kershenbaum bei dieser Produktion unbedingt vermeiden wollten und weshalb sie sich so viel Mühe gegeben hatten, schlich sich durch die Hintertür wieder in die Aufnahme rein: Der schockgefrostete Klang der frühen 80er-Jahre. Nur hatten sie ihn nie mit der Digitaltechnik in Zusammenhang gebracht.

Nur in der Musik blieb “Body and Soul” ganz der analogen Welt verpflichtet: Das Album folgt genau einer in LP-Zeiten üblichen Dramaturgie über zwei Seiten. Ich bin sicher, wer zwischen Go for it und Loisaida nicht aufsteht, um die Platte umzudrehen, weil sein CD-Player ja weiter läuft, erlebt diese Musik ein klein wenig anders als der LP-Hörer.

— 22. März 2007