Platte11

Von Heinz Gelking

Einstürzende Neubauten: Tabula Rasa / Ende Neu

Tabula Rasa wurde 1993, Ende Neu wurde 1996 veröffentlicht - übrigens auch auf LP.

Was war das für Musik? Pop, Punk, Rock, Independent, Industrial – mit wohlsortiertem Schubladendenken kommt man den Einstürzenden Neubauten nicht bei.

Und schon gar nicht im Falle des 1993 erschienen Albums Tabula Rasa, das ich wegen seines exzellenten Klanges auch allen Hifi-Maniacs schwer ans Herz lege. Die Songs auf Tabula Rasa waren angelegt als verstiegene Minimal-Hörspiele, Konglomerate aus Lyrik und Musik, klitzekleinen Dramen gleich Drehbüchern gleich surrealistischen Filmen – ein „Konzept-Album“, vielleicht manchmal mit einer etwas zu dicken Anspruchsbugwelle daher kommend, doch bis heute unbedingt faszinierend. Von Headcleaner, einem endzeitlichen Horrorszenario in Verwandschaft zu Orwells 1984, stammt der Plattentitel: Tabula Rasa („reiner Tisch“, „leere Tafel“). Das andere Thema, das wichtigere, war die Liebe. Und die Texte waren angereichert mit hermetischen Wortkonstruktionen, für deren Entschlüsselung es eine gehörige Portion klassischer Bildung brauchte: Akustische Kunst für jung gebliebene Bildungsbürger ohne Berührungsängste gegenüber schrägen Tönen: elitär, experimentell und – ja: erotisch. Zebulon oder Die Interimsliebenden – das ist Henry Miller für Audiophile, eine lustvolle Kopfgeburt, die hohen literarischen Ansprüchen genügt. Blixa Bargelds Text ist nicht peinlich, nicht pubertär, sondern er erzählt verspielt, offen und bildgewaltig (und klanggewaltig in Musik gesetzt) von der Anziehungskraft der Seelen und Körper, von Erotik und Sexualität.

Mit Tabula Rasa hatten die Einstürzenden Neubauten einen Meilenstein gesetzt, der Bestand haben wird: Text und Musik auf der höhe der Zeit, ohne zeitgeistig zu sein.

Ende Neu? Jeder Song hat eigenständigen Charakter, ja jeder schafft sich eine ganz eigene Welt in 2:46min oder 10:59min. Auf kleinem Raum eine Atmosphäre aufzubauen, eine Stimmung zu erzeugen, eine Geschichte zu erzählen, das gelingt den Einstürzenden Neubauten auch drei Jahre später, 1996, noch. Und ihre Kreativität beim Basteln von Sounds und Texten kennt nach wie vor keine Grenzen.


Aber bekömmlicher sind sie geworden: Traumverhangen das Duett Stella Maris zwischen Meret Becker und Blixa Bargeld. Ja, auf Ende Neu beschränkt man sich jetzt auf’s platonische Träumen: “Du träumst mich ich dich.” Tabula Rasa hatte die kräftigeren Bilder: “In ihrem gemeinsamen Mund lebt ein Kolibri.” Für NNNAAAMMM haben sie den Techno beklaut und die Rapper; sie zeigen, dass ihnen Kraftwerk nicht unbekannt sind; sie geben eine Prise aus Automotoren, Radladern und Elektrowerkzeugen hinzu und verrühren das mit viel Ironie. Wenn sich Blixa Bargelds Sprechgesang vom Wort “Maschine” zum Klangeindruck “Schinema” verschiebt, ist das Jandl pur, und man hat es irgendwie wieder geschafft: Ich spreche vom Spagat zwischen Lyrik und Spaß und Kunst und Pop. Der Vergleich mit Ernst Jandl, dem Dichter der Wörterklänge, ist übrigens nicht zu hoch gegriffen: Worte und Sätze werden Rhythmus und Sound, Schallereignisse statt Bedeutungsträger. NNNAAAMMM steht in der Tradition von Maschinenstücken wie Pacific 231 von Arthur Honneger. Die Explosion im Festspielhaus und Der Schacht von Babel knüpfen eher an Tabula Rasa an. Doch wenn hier auch viel an die akustische Umsetzung eines imaginären Schlingensief-Filmes erinnert, so ist Ende Neu doch deutlich massenkompatibler als Tabula Rasa. Stella Maris lief damals sogar auf MTV.

— 18. April 2007