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Von Heinz Gelking

Engel an der Copacabana: Teresa Salgueiro & Septeto de João Cristal

"Você e Eu" ist Teresa Salgueiros erstes "richtiges" Solo-Album und entstand während einer einjährigen Pause der Gruppe Madredeus, deren "Stimme" sie ist (EMI Music Portugal)

Angeblich haben der Bandgründer Pedro Ayres Magalhaes und der Bassist Rodrigo Leao die siebzehnjährige Teresa Salgueiro 1986 in einer Bar entdeckt und mit ihr eine unverwechselbare Stimme für ihre Band Madredeus gefunden. Man mag das gar nicht so richtig glauben. Stimmen wie Teresas entdeckt man nicht in einer Bar. Die fallen entweder direkt vom Himmel oder in einem braven Schulchor auf.

Bei Madredeus wurde Teresa Salgueiro jedenfalls bekannt für ein geradezu engelsgleiches Singen. Die unausgebildete Stimme klang so kristallklar und rein wie Quellwasser – eine Naturbegabung. Viele Lieder von Madredeus, Liebeslieder eingeschlossen, schienen dank ihrer Stimme eine beinahe sakrale Ausdrucksebene zu bekommen. In dieser Romantik mit melancholischem Trauerrand konnte man Elemente des Fado entdecken, dem Blues portugiesischer Großstädte. In Deutschland wurden Madredeus um 1994 herum für den Soundtrack zu Lisbon Story von Wim Wenders bekannt.

Jetzt also ein Solo-Album mit brasilianischer Musik, darunter vielen Klassikern von António Carlos Jobim (dem Komponisten von “The Girl from Ipanema”). Bei dieser Musik müsste sich Teresa Salgueiro mit unzähligen anderen Sängerinnen vergleichen lassen. Auf Você e Eu hat sie ein fabelhaftes Septet unter der Leitung von João Cristal an ihrer Seite, das in dieser Musik vollkommen zuhause ist – unüberhörbar besser zuhause ist als Teresa Salgueiro selbst. Deren Singen fehlt es manchmal an Witz und Finesse und Rhythmusgefühl. Vor allem aber an Ausdruckswillen. Selbst Ana Caram – nun wirklich kein Ausbund an Temperament – hat die Musik von Jobim auf einer außergewöhnlich gut klingenden Chesky-CDs mit mehr Wärme, Swing und Sinnlichkeit gesungen. Und an Maria João und ihre fantasievollen Brückenschläge von Portugal nach Brasilien darf man erst gar nicht denken.


Trotz solcher Einwände: Die lange, prallvolle CD enthält auch wunderbar Gelungenes. Nämlich immer dann, wenn Teresa Salgueiro das tut, wofür sie auch mit Madredeus berühmt wurde: In ruhigen Liedern vom Unglück der Liebe und dem Kummer des Lebens singen. In dem Song Risque von Ary Barroso, taucht auf einmal ein Begriff auf, der in der portugiesischen Sprache für den Weltschmerz steht: Saudade. Was das nun genau ist, kann einem niemand richtig sagen. Aber es muss etwas Trauriges und zugleich sehr Schönes sein. Jedenfalls wenn Teresa Salgueiro darüber singt.

— 30. April 2007