Platte11

Von Heinz Gelking

Ernst Haefliger (Tenor), Erich Werba (Klavier): Schwanengesang D957

DGG 138905 SLPM aus dem Jahr 1966 ist bisher nicht auf CD erschienen

Es ist keine Luxus-Stimme, mit der Ernst Haefliger den Hörer für sich einnimmt. Weder standen ihm die strahlend-reiche Fülle eines Fritz Wunderlich zur Verfügung, noch die Mühelosigkeit, mit der Siegfried Lorenz vokale Finessen und tonliche Schönheit in seiner Schwanengesang-Aufnahme (bei allerdings langsameren Tempi) ausbreiten konnte. Was aber auch zur Folge hat, dass sich bei dem 1919 in Davos geborenen Sänger nicht der sinnliche Reiz einer Ausnahme-Stimme in der Wahrnehmung des Hörers vor Schuberts Musik schiebt.

Haefliger überzeugt also zuerst durch die Interpretationsentscheidungen, die er fällt. Er passt die Musik nicht den Notwendigkeiten seiner Stimme an, sondern biegt sich die Stimme so zurecht, dass das Notwendige Klang werden kann – manchmal mit kleinen, noch vernehmbaren Resten von Widerstand. Seine Interpretation haftet etwas von einer erarbeiteten Kunstanstrengung an – und keineswegs zu ihrem Nachteil: im Ergebnis steht eine maßstabsetzende Balance, in der Text und Musik ideal erfasst werden. Es gibt nicht viele Interpreten, die ihm darin gleich kommen.

Was aber macht er genau? Haefliger und – nicht zu vergessen! – Erik Werba am Klavier interpretieren die Lieder mit einem bei jedem Hörern neu überraschenden musikalischen Fluss und großer rhythmischer Genauigkeit. Sie erlauben sich kaum Haltepunkte an „schönen Stellen“. Trotzdem wirkt die Musik in keinem Moment gehetzt. Werba spielt den Klavierpart genau, durchsichtig, kraftvoll und facettenreich. Ernst Haefliger singt mit großer Textverständlicheit. Das ist vor allem deshalb so bemerkenswert, weil er Konsonanten niemals im Interesse der Wort-Deutlichkeit übertrieben artikuliert. Die Konsonanten werden zwischen die das Singen tragenden Vokale eingebettet. Die melodische Linie bleibt in jedem Moment gewahrt und nur ganz selten nutzt Haefliger den Trick, Worte miteinander zu verschleifen („wir saßen stumm undalleine“ in: Am Meer). Zur Textverständlichkeit trägt außerdem bei, dass er zwischen verschiedenen Vokalfarben klar und deutlich unterscheidet – selbst bei einem schnell etwas kehlig klingenden Vokal wie dem offene „A“ erleichtert er sich nichts. Exzeptionell ist Haefligers dynamische Variabilität und deren kluger Einsatz – im Detail innerhalb einer Zeile wie im Großen innerhalb eines mehrstrophigen Liedes. So gibt er beispielsweise jeweils am Strophenende in Frühlingssehnsucht, den fragenden Wortwiederholungen („Wohin? Wohin?“) wie kaum ein anderer Sänger etwas Drängendes und Sehnsüchtiges, indem er beim ersten Mal ein Crescendo, beim zweiten Mal ein Crescendo mit einem minimalen sich anschließenden, auch durch den Abfall der melodischen Linie naheliegendes, fast resignierendes Decrescendo gibt. Über die drei Strophen des Doppelgängers werden die Begriffe „Schmerzensgewalt“ und „eigne Gestalt“ zu dynamischen und emotionalen Höhepunkten, weil Haefliger das Lied so verhalten und beklommen-still anheben lässt. Den Doppelgänger gestaltet Haefliger als bitteren inneren Monolog mit schmerzhafter Selbsterkenntnis – andere haben ihn zur Opernszene aufgeblasen. Enorm eindringlich auch, mit welch unterschiedlichem Tonfall er in Kriegers Ahnung zwischen der realen Situation des lyrischen Ichs und seinen Träumen unterscheidet. „In tiefer Ruh liegt um mich her…“ trägt den Tonfall der Resignation, Momente wie „Wie hab ich oft so süß geträumt“ erscheinen dazwischen mit traumhaft-unwirklicher Süße auf, einer Süße, die man in seiner zumeist sehr geradlinig klingenden Stimme nicht erwartet hätte. Bei Tönen, die für Haefliger sehr tief liegen, spricht seine Stimme allerdings nicht sehr gut an („Waffenbrüder“ in Kriegers Ahnung, „Ewig derselbe bleibet mein Schmerz“ in Aufenthalt). Er hat sie, kann sie aber nicht mit einem vollen, resonanten Klang füllen.


Ernst Haefliger gehört zu den Sängern des zwanzigsten Jahrhunderts, die ihr Singen in hohem Maße reflektiert haben. Darauf lässt nicht nur die Tatsache schließen, dass er ein Buch übers Singen geschrieben hat („Die Kunst des Gesangs“, Schott-Verlag) oder dass er wie nur wenige Sänger seiner aktiven Zeit modernes Repertoire aufgenommen hat. Nein, man hört es daran, wie er Schuberts Schwanengesang singt. Haefligers Interpretation sollte Vorbild-Funktion haben. Er interpretiert Schuberts Schwanengesang mit großer, vollkommen uneitler Strenge und auf jeden Effekt verzichtend. Auf diese Weise tritt er selbst als Interpret in den Hintergrund. Ins Zentrum aber rücken Text und Musik. Die den Liedern zugrunde liegende Lyrik kann sich durch seine deutliche Artikulation in ihrer Schönheit entfalten (zumindest Rellstabs Gedichte sind besser als ihr Ruf). Und weil er diese deutliche Artikulation in einer Weise in sein Singen einbindet, dass das Rhethorische nicht vor das Musikalische tritt, weil Haefliger also zuerst ein hervorragender Sänger ist und dann ein beispielhaft kluger Interpret, von dem wir über Schuberts Lieder mehr erfahren, als wenn wir nur den Notentext lesen würden, stellt sich eine Ballance ein, bei der die ganze Expressivität der Lieder aus dem Schwanengesang zur Geltung kommt.

— 25. April 2007