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Von Heinz Gelking

Evgeni Koroliov und Ljupka Hadžigeorgieva spielen Schubert (Tacet CD 0134-0)

Vor rund zwanzig Jahren habe ich ein Konzert von Evgeni Koroliov gehört. Er spielte im Schloß Ahaus. Das Programm weiß ich nicht mehr, bin aber ziemlich sicher, dass Klaviermusik aus der Zeit der Klassik dabei war – eine Sonate von Haydn oder Mozart. Außerdem erinnere ich mich, ein paar Tage später meine Konzerteindrücke einem Freund gegebenüber etwa so zusammengefasst zu haben: Koroliov spielte unglaublich gleichmäßig, aber auch ein wenig langweilig.

Das war keine Fehleinschätzung. Mit 19 oder 20 Jahren darf man das Klavierspiel von Evgeni Koroliov so empfinden: zu wenig Rausch und zu viel Kontrolle. Und vielleicht war Evgeni Koroliov an diesem Sonntagabend in Ahaus ja wirklich müde.

Ungefähr zehn Jahre später kamen die ersten Bach-Einspielungen von Evgeni Koroliov auf CD heraus. Ich schrieb über seine CD mit dem Wohltemperierten Klavier II: „Jetzt hat Koroliov den zweiten Teil (BWV 846-869) eingespielt, und wieder hört man fassungslos, wie jemand absolute Kontrolle mit einer nicht zu begründenden Beseeltheit zu verbinden weiß. Das ist unendlich viel größer als Goulds Exzentrik.“

Vor zwei Jahren brachte Tacet eine CD heraus, die nicht zu Evgeni Koroliovs bisheriger, ausschließlich aus Solo-Werken bestehender Diskographie zu passen schien, sehr wohl aber zu seiner Biographie: Koroliov im Klavierduo mit Ljupka Hadžigeorgieva. Der russische Pianist und die mazedonische Pianistin studierten zur gleichen Zeit am staatlichen Tschaikowsky-Konservatorium in Moskau. Sie sind miteinander verheiratet und treten seit über 30 Jahren auch als Klavierduo auf – nicht auf Tonträgern, aber in Konzerten. Auf der CD spielen sie Franz Schuberts Fantasie in f-moll, D940 und die Sonate Gran Duo, C-Dur, D812.

Und wieder fällt dieser gleichsam “objektive” Zugang zur Musik auf: Keine großen Temposchwankungen, keine überzogenen dynamischen Extreme (obwohl das Klavierduo den Beginn der Fantasie wirklich ungewöhnlich leise nimmt), alles wird sorgfältig und genau ausgeführt. Sind die beiden Künstler damit nicht vielleicht doch auf dem Holzweg? Kann man Schubert so „objektiv“ spielen wie Bach? Verlangt seine romantische Musik nicht nach „persönlichem Ausdruck“?

Koroliov und Hadžigeorgieva zeigen, dass es auch anders geht, im Falle von Schuberts vierhändiger Musik vielleicht sogar anders gehen muss: so klar, so rein, so uneitel wie hier. In der Vierhändigkeit liegt ja schon eine Objektivierung. Zwei Spieler müssen sich auf Tempi und Dynamik einigen – da bleibt weniger Raum für individuelle Gestaltung, für Subjektivität. Auf der anderen Seite sind da natürlich auch die Widmungsgeschichte („Der Comtesse Caroline Esterhazy dediziert“) und der Entstehungszeitpunkt (Schuberts Todesjahr 1828). Sie scheinen einer dramatisch-individuellen Deutung dieser Musik einigen Vorschub zu leisten. Mag wohl sein, dass aus der Fantasie f-moll unglückliche Liebe und angegriffene Gesundheit hörbar sind. Dem steht aber wiederum eine komplexere Struktur als in den übrigen Klavierwerken Schuberts gegenüber, eine Vielstimmigkeit und Dichte, die sich gegen eine allzu subjektive Interpretation sperrt. Die vierhändige Musik von Schubert ist näher bei seinen Streichquartetten als bei seiner Klaviermusik. Und noch etwas gibt dem Duo Koroliov recht: Viele Monate soll Schubert an der Fantasie f-moll geschrieben, sie immer wieder umgearbeitet, verbessert, an ihr gefeilt und sie ergänzt haben. Nichts ist hier wie in einem Geniestreich hingeworfen worden. So wirkt auch die Aufnahme: in ihrer Regelmäßigkeit und Ausgewogenheit sorgfältig erarbeitet. Das Duo Koroliov nimmt sich selbst ganz weit zurück. Umso deutlicher tritt die Musik hervor.

Sowieso gehört die Fantasie f-moll zu Schuberts schönste Werken.


— 16. Dezember 2008