Platte11

Von Heinz Gelking

Franz Schubert: Schwanengesang D957 (ein kurzer Einführungstext)

Nein, ein Liederzyklus wie Die Winterreise oder Die schöne Müllerin ist der Schwanengesang nicht. Winterreise und Müllerin haben unverkennbar epische Züge und erzählen eine Geschichte vom Anfang bis zum (relativ offen gehaltenen) Ende. Eine solche Klammer inhaltlichen Zusammenhangs umschließt den Schwanengesang nicht. Der Zyklus – besser wäre es, schlicht von einer Liedersammlung zu sprechen – besteht aus sieben Liedern auf Texte von Ludwig Rellstab, sechs Liedern auf Heine-Gedichte und Johann Gabriel Seidls Taubenpost.

Franz Schubert selbst hatte die Lieder gar nicht für eine gemeinsame Publikation vorgesehen; die Heine-Lieder hatte er als geschlossene Gruppe vergeblich dem Verleger Probst angeboten. Da war die Taubenpost – Schuberts vermutlich letztes Lied – vermutlich noch nicht komponiert. Was die gemeinsame Deutsch-Verzeichnisnummer D957 suggeriert, nämlich dass die Lieder zusammen gehören, beruht auf einer Idee Tobias Haslingers. Er war Inhaber des Musikverlages Steiner und hat Schuberts letzte Lieder – wohl nicht zuletzt aus verkaufsstrategischen Erwägungen – unter dem Titel Schwanengesang zusammengefasst.

Heterogen erscheinen auch die Texte des Schwanengesangs: In Rellstabs Lyrik wird die Natur zum Schauplatz der Liebe (Liebesbotschaft), sie spiegelt das Verlangen des Liebenden wieder (Frühlingssehnsucht) oder sie wird gar zu seiner Botin: „Hörst die Nachtigallen schlagen? Ach! Sie flehen dich, mit der Töne süßen Klagen flehen sie für mich“ (3. Strophe, Ständchen). Heines Texte tragen dagegen eine – gar nicht einmal so unterschwellige – Ironie, die dem Komponisten Schubert allerdings gänzlich verborgen geblieben zu sein scheint: „Seit jener Stunde verzehrt sich mein Leib, die Seele stirbt vor Sehnen; mich hat das unglückselge Weib vergiftet mit ihren Tränen“ (4. Strophe, Am Meer). Man muss wohl Franz Schubert heißen, um das ohne ironische Brechung zu vertonen…


(Bild verlinkt, Bildnachweis unten)

Dann wiederum Der Doppelgänger – Heines psychologisch tiefer Text über einen Mann, der sich schmerzhaft als einstmals vergeblich Liebender wiedererkennt und den die Erinnerung noch in der Gegenwart tief verletzt. Oder Der Atlas, ein ausdrucksstarker Text, in dem die selbst gesuchte Qual zum Thema wird: „Du wolltest glücklich sein, unendlich glücklich, oder unendlich elend, stolzes Herz, und jetzo bist du elend!“ (2. Strophe, letzte 3 Zeilen). Trotz der immer wieder als besonders anspruchsvoll gelobten Heine-Texte: Mich überzeugen die Rellstab-Lieder mehr, weil Musik und Text bei ihnen besser zueinander passen. Heines Sarkasmus war Schubert wohl doch fremd, jedenfalls klingt davon nichts in seinen Liedern an. Geradezu biedermeierlich schließlich die Taubenpost, in deren letzter Strophe die Brieftaube überflüssiger Weise als Sinnbild der Sehnsucht aufgelöst wird (sicher der schlechteste Text des Schwanengesangs, aber eines der schönsten Lieder Schuberts).


Abbildung: Der Doppelgänger aus dem Zyklus “Der Schwanengesang” von Walter Kuhn, Acryl auf Leinwand, 80 × 100 cm, mit Dank für die freundliche Abbildungsgenehmigung an den Maler. Das Bild ist verlinkt.

— 25. April 2007