Platte11

Von Heinz Gelking

Gustav Mahler, 4. Sinfonie, The Philharmonia Orchestra, Elisabeth Schwarzkopf, Otto Klemperer, EMI SAX 2441

Otto Klemperer war ein hervorragender Mahler-Interpret. Als junger Dirigent hatte er dem Komponisten 1905 bei einer Aufführung der 2. Sinfonie assistiert; später konnter er auf Empfehlung von Mahler in Prag eine erste feste Stelle als Chordirektor antreten.

Für seine Einspielung von Mahlers 4. Sinfonie stand ihm keine geringere als Elisabeth Schwarzkopf zur Seite. Deren Loblied auf die „himmlischen Freuden“ im vierten Satz ließe sich schlichter und – in einem höheren Sinne – „naiver“ vorgetragen denken. Nicht, dass sie ihren Part zur Karrikatur überzeichnet. Aber ihr in vielfältigen Farben changierender Jubel birgt auch ein Moment der Skepsis: Ein hörbar vorgetragenes, ein gestaltetes Glück ist das, nichts unmittelbar Empfundenes.

Klemperer und das Philharmonia Orchestra setzen Mahlers Partituranweisungen konsequent um, vermeiden aber jeden Exzess. Selbst die Zusammenbrüche der Blechbläser am Ende des dritten Satzes wirken noch abgewogen, ohne allerdings etwas von ihrer bestürzenden Wirkung einzubüßen. Typisch Klemperer: Frei von überzogenen Effekten, frei von jeder von außen hineingetragenen „Persönlichkeit“, frei auch von auf Hochglanz polierter Glätte gibt sich Mahlers 4. Sinfonie hier, und darum, gerade darum wird die Interpretation dem Werk auf besondere Weise gerecht.

EMI SAX 2441 entstand im Jahr 1962, und dieses Alter verleugnet auch das Reissue nicht: Etwas schlackenloser, reiner und freier könnte Schwarzkopfs Sopran schon klingen. Aber das Orchester ist im Großen und Ganzen gut eingefangen. Dass den EMI-Tontechnikern ein warmer, dichter Streichersound wichtiger war als die letzte Klangfarbennuance bei den Holzbläsern verleugnet aber auch diese Platte nicht – manchmal scheinen mir die hier doch etwas knatschiger als in natura zu klingen. Wer weiß, vielleicht haben auch die damals verwendeten Instrumente ihren Anteil daran … Was die Dynamik angeht, wird auch der anspruchsvollste Hörer nicht mäkeln. Von den substanzvollen Paukenschlägen über das Blech im Messingglanz bis zu den imponierenden, nie eingedickt klingenden Tutti, überzeugt diese heute ja längst schon historische Aufnahme vollkommen. In der Schallplattensammlung von Klemperer-, von Schwarzkopf-, von Mahler-Fans ist EMI SAX 2441 kaum verzichtbar.

(Dieser Artikel gehört zu den hier angekündigten Texten über sammelnswerte (und nachgepresste) LPs von EMI. Der Text beruht auf dem Stand von 3/2000, als er erstmals erschien. Es kann sein, dass einzelne LPs inzwischen nicht mehr im Handel sind. Weil EMI-LPs für Plattensammler allerdings immer interessant sind, auch unabhängig von der Existenz eines Reissues, habe ich den Text hier trotzdem noch einmal veröffentlicht)

— 17. Juni 2009