Platte11

Von Heinz Gelking

Hanns Eisler: Vierzehn Arten, den Regen zu beschreiben (Nova-LP, antiquarisch)

Hanns Eisler war 1933 in zweierlei Hinsicht gefährdert: als Kommunist und als so genannter “Halbjude”. Er ging darum sofort ins Exil. Nach verschiedenen Stationen in Europa lebte er ab 1938 in den Vereinigten Staaten, aus denen er 1948 wegen “unamerikanischer Umtriebe” im Zuge der Kommunistenjagd wieder ausgewiesen wurde.
In künstlerischer Hinsicht waren die zehn Jahre in Amerika sehr ergiebig. So entstand hier 1940/41 auch das Werk, welches Eisler selbst für seine beste Kammermusik gehalten hatte: Vierzehn Arten, den Regen zu beschreiben, op 70. Es hat unübersehbare Bezüge zu Arnold Schönberg – nicht nur weil Eisler ihm das Stück zum 70. Geburtstag widmete.

Eisler hatte von 1919 bis 1923 privaten Kompositionsunterricht bei Schönberg genommen. Sein Verhältnis zu Schönberg war allerdings von Schwankungen geprägt. Ab 1923 entwickelte Eisler sich in eine andere Richtung und schrieb ein paar Jahre lang vorwiegend Musik für den politischen Kampf. Das änderte sich im Exil wieder. Vierzehn Arten, den Regen zu beschreiben enthält die Tonfolge a – es – c – h – b – g, Eisler ehrt Arnold Schönberg also mit einem Anagramm. Auch mit der eher ungewöhnlichen Besetzung (Flöte, Klarinette, Violine, Viola, Violoncello, Klavier) spielt der Schüler auf seinen Lehrer, speziell auf dessen Pierrot Lunaire an (allerdings gibt es bei Eisler keine Stimme). Über den Pierrot Lunaire hatte Eisler sich gelegentlich sehr begeistert (“wunderbare Kammermusik”), aber auch sehr kritisch geäußert und den zugrunde liegenden Text als “alberne Provinzdämonik” bezeichnet. 1921/22 – also noch als Schüler von Schönberg – nahm Eisler den Pierrot mit seinem eigenen, Palmström op. 5 betitelten Melodram aufs Korn, das er für eine ähnliche Besetzung, aber auf der Grundlage bissiger Morgenstern-Texte komponierte.

Die Vierzehn Arten, den Regen zu beschreiben knüpfen kompositionstechnisch wieder bei Schönberg an. Sie sind in einer erweiterten Zwölftontechnik geschrieben. Für Eisler standen aber keine Fragen der Kompositionstechnik und des Material, sondern die von der Musik vermittelten Stimmungen im Vordergrund. Seine Musik hat unüberhörbare klangmalerische Elemente, womit ihr zweiter Bezugspunkt ins Spiel kommt: Obwohl sie mühelos als ein autonomes Werk für sich allein überzeugt, enstand die Variationsfolge als eine Art experimenteller Musik zu Filmsequenzen, die Joris Ivens, ein holländischer Dokumentarfilmer, Hanns Eisler zur Verfügung gestellt hatte. Es wäre bestimmt interessant, Film und Musik einmal im Zusammenhang zu erleben!

Der VEB Deutsche Schallplatten produzierte 1974 für die Hanns Eisler Edition eine LP mit dem Titel Kammermusik aus dem Exil beim Label Nova. Sie enthält auch Vierzehn Arten, den Regen zu beschreiben in einer von Bernd Runge 1967 geleiteten Aufnahme, der ich wegen ihres satten und dynamischen Klanges ohne zu zögern sogar “audiophile” Qualitäten zuschreiben würde, wenn die eigentliche Pressqualität bei meinem Exemplar nicht ein wenig durchwachsen wäre, was sich trotz Plattenwäsche in gelegentlichem Knistern und Knacksen zeigt. Von der Musik lässt sich nur das Beste sagen: Mit Wilfried Winkelmann (Flöte), Hans Himmler (Klarinette), Friedrich-Carl Erben (Violine), Arnim Orlamünde (Viola), Wolfgang Bernhardt (Cello) und Jutta Czapski (Klavier)spielen hörbar kompetente Interpreten, wobei die drei Streicher als Mitglieder des Erben-Quartetts das eingepielte “Rückgrat” der Aufnahme bilden.


—  9. Dezember 2008