Platte11

Von Heinz Gelking

Hazmat Modine: Bahamut

Der Blues hat einen Bart.
Der Jazz ist nicht tot, aber er riecht schon komisch.*
Und der Country, der stinkt zum Himmel.

Und jetzt kommen Hazmat Modine…

Wade Schuman taucht mit Mundharmonika und Randy Weinstein im Schlepptau auf und bläst und singt uns zusammen mit sechs weiteren Musikern aus New York die Gehörgänge frei. Hier geht die Post ab, und das in einer wilden Mixtur aus Blues, Jazz, Country, Klezmer und siebenundzwanzigeinhalb anderen Stilen nebst Calypso, “Hackbrett” und mongolischem Obertongesang. Und trotzdem klingt das nicht beliebig.

Frontmann Schuman ist eigentlich Kunstdozent, insofern finanziell versorgt, und macht Musik darum sowieso nur zum Spaß. Das hört man. Sein Gegenüber, Randy Weinstein, hat er auf einem Treffen von Hobby-Harp-Spielern kennen gelernt. Weinstein hat einen “Complete Idiot’s Guide to Playing the Harmonica” geschrieben.
Pete Smith (Gitarre) und Pamela Fleming (Trompete) sollen sogar schon mit Norah Jones gespielt haben. Das hört man nicht. Und das ist gut so. Dann sind da noch Richard Huntley (Drums, Percussion) und Steve Elson (Saxophone, Klarinette, Duduk Flöte), vor allem aber Joseph Daley. Der spielt Tuba. Das tat er schon bei Sam Rivers, Carla Bley, Taj Mahal, Charlie Haden, Gil Evans… Hier allerdings spielt er gar nicht Tuba, sondern E-Bass, besser gesagt: Er spielt das, was normalerweise ein E-Bass spielen müsste, auf der Tuba. Virtuos und mit Swing.
Eine lange CD, 14 Titel. Und jeder einzelne macht diese Platte reicher, selbst wenn man das anderthalbminütige, auf einer Art Mandoline gespielte Fred of Ballaroy wohl nicht zum Anspieltipp küren würde. Dann schon eher das tief im Blues versinkende, über 11 Minuten dauernde Man trouble oder das eine absurde Geschichte über einen einsamen Riesenfisch erzählende Titelstück Bahamut.
Ganz klar, es ist der Blues, der diese Platte prägt – und Wade Schumans schratige Stimme, die ihn mit feiner Ironie singt. Dazu wollte er den Klang kleiner Combos aus den Zwanziger Jahren wieder auferstehen lassen. Das hätte eine langweilige und aalglatte Rekonstruktion ergeben können. Aber Hazmat Modine rekonstruieren nicht. Sie lassen die Musik aller Völker in einem melting pott zusammen fließen, und es entsteht etwas ganz Neues. So lebendig und so traurig, so puppenlustig und so herzzerreißend hat’s damals auf den Jahrmärkten in Amerika wohl doch nicht geklungen.


Die Klangqualität: Gute Durchzeichnung selbst im dichten Getümmeln vieler Instrumente, charakteristische Abbildung der Stimme, Klangbild enthält viele Details, wirkt aber insgesamt schön geschlossen und druckvoll.

*Stimmt. Die Zeile mit dem komisch riechenden Jazz ist bei Frank Zappa geklaut.

— 14. November 2007