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Von Heinz Gelking

Colin Davis dirigiert "L'enfance du Christ" von Hector Berlioz (Philips-LP-Kassette, antiquarisch)

Die Keimzelle zu L’enfance du Christ (“Kindheit Christi”) entstand an einem geselligen Abend, fast möchte man von einer Schnapsidee sprechen. Die Freunde von Hector Berlioz spielten Karten. Der Komponist hasste das Spiel und langweilte sich. Er ließ sich von dem Architekten Joseph-Louis Duc provozieren: “Wenn Du schon nichts tust, kannst Du wenigstens ein Stück Musik für mein Album schreiben.” Berlioz skizzierte ein vierstimmiges Andantino für Orgel und war mit dieser Gelegenheitsarbeit sehr zufrieden. Er fand das Stück so schön mystisch und naiv, dass es ihm in den Sinn kam, einen Text über Der Hirten Abschied von der Heiligen Familie darunter zu legen.


Ein Schabernack? Wohl nicht nur. Berlioz war als Kind katholisch erzogen worden, hatte diesen Glauben aber verloren – und schaffte im Widerspruch dazu ohne äußeren Anlass und aus eigenem Antrieb heraus so bedeutende Werke geistlicher Musik wie das Requiem, das Te Deum und eben L’enfance du Christ. Der britische Berlioz-Kenner David Cairns vermutete im Beiheft-Text: Kurz vor Beginn der Komposition hatte er angefangen, seine Memoiren zu schreiben. Bei der Arbeit muss die Erinnerung an Kinder- und Jugendjahre viele Empfindungen aufgewühlt haben, darunter Weihnachtslieder und andere bekannte liturgische Gesänge, die er in seiner Kindheit gekannt hatte. Diese lokale Volksmusik, die ja auch Anteil an der Gestaltung seiner allgemein musikalischen Entwicklung hatte, trug zweifellos zu dem bewusst naiven, archaischen Stil in großen Teilen von L’enfance du Christ bei.


Das Werk war Berlioz jedenfalls wichtig. Vier Jahre lang hat er immer mal wieder daran gearbeitet. Zuerst machte er den Abschiedschor der Hirten zum Kern einer kleinen Szene mit dem Titel Die Flucht nach Ägypten, diese ergänzte er später um den vorausgehenden Teil Herodes Traum und den nachfolgenden Teil Die Ankunft in Sais, so dass am Ende ein dreiteiliges, ziemlich umfangreiches Werk entstand.

L’enfance du Christ war Bestandteil einer 5-LP-Kassette von Philips mit Berlioz’ Hauptwerken Geistlicher Musik.

Vor vielen Jahren habe ich einen kleinen Vergleich über verschiedene Aufnahmen der Symphonie fantastique geschrieben (erschienen in image hifi 6/1998). Im Ergebnis sah ich Einspielungen von Pierre Boulez und Colin Davis* vorn. Bei Colin Davis begeisterte mich die Sorgfalt, mit der er diese Musik formte: Er arbeitete nicht nur die Härten des Stückes heraus (darauf legen es fast alle an…), sondern er wusste beispielsweise auch, im Un bal überschriebenen zweiten Satz tatsächlich einen unwirklich-schönen Walzer zu inszenieren (daran dirigieren viele vorbei…).

Diese Sorgfalt überzeugt auch bei seiner Aufnahme von L’enfance du Christ. Bei ihm spiegelt das Orchester im Herodes Traum-Abschnitt die opernhaften Spannungsmomenten wider und trägt wesentlich zur Charakterisierung der Figuren bei. Herodes’ Angst oder der Eifer und der Hass der Wahrsager klingen im Orchestersatz gewissermaßen “im Unterbewussten” an, klingen voraus, klingen nach. In der Szene, überschrieben Der Stall zu Bethlehem, gelingt Colin Davis der Spagat, eine nahezu idyllische Stimmung heraufzubeschwören, aber die Musik und die von ihr beschriebene Situation nicht naiv wirken zu lassen. Im Flucht-Abschnitt und am Anfang des Teils über Die Ankunft in Sais klingt alle drängende Not und Unruhe in der Musik an – aber Davis hält einen ausreichenden Abstand zu einer allzu “naturalistischen” und auf bloße Effekte setzenden Schilderung. Er bleibt im “erhabenen” Tonfall eines romantischen Oratoriums. Am Ende überführt er die Musik in friedfertige Freude.

Aber das größte Plus dieser Einspielung sind die Sänger. Der Tenor Eric Tappy singt im besten Evangelisten-Stil. Er berichtet das Geschehen zwar nicht vollkommen unbeteiligt, aber gefasst und klar. Jules Bastin gelingt es nicht zuletzt in seiner Arie (Toujours ce rêve! – Wieder der Traum!), König Herodes als facettenreichen Herscher darzustellen, der um seine Macht fürchtet und sich nach dem einfachen Leben eines Ziegenhirten sehnt. Joseph Rouleaus profunder Bass passt perfekt zur Rolle des ismaelitischen Hausherren, der die heilige Familie aufnimmt. Und besser als mit der Mezzosopranistin Janet Baker und dem Bariton Thomas Allen hätte man Maria und Joseph wohl kaum besetzen können.

Die Aufnahmen entstanden 1977 am Ende des 1969, zum hundertsten Todesjahr des Komponisten, von Colin Davis begonnenen Berlioz-Zyklus. Die Pressqualität der Philips-LPs finde ich außerordentlich gut. Das Vinyl ist zwar, wie von Philips in den 70er-Jahren gewohnt, recht weich und dünn, aber dafür sind die LPs auch perfekt plan und sie laufen nahezu ohne Nebengeräusche und mit minimalem Grundrauschen. Auch die Klangqualität ist “typisch Philips” und liegt eher auf der etwas weicheren und natürlich-warm klingenden Seite, bietet dabei einen hohen Grad an feindynamischer Differenzierung und spannt ein recht großes Stereo-Panorama auf.

*Seit 1980 “Sir”. Da hier allerdings von Aufnahmen die Rede ist, die vorher durchgeführt wurden, nutze ich den bürgerlichen Namen.

Infos

Maria – Janet Baker
Joseph – Thomas Allen
Erzähler – Eric Tappy
Herodes – Jules Bastin
Hausherr – Joseph Rouleau
Zenturio – Philip Langridge
Polydorus – Raimund Herincx

Flöten – Richard Taylor, Francis Nolan
Harfe – Renata Scheffel-Stein

Chor – John Alldis Choir
Orchester – London Symphony Orchestra

Gesamtleitung – Colin Davis

Philips 5-LP-Kassette 6768002

Interessante Quellen im Internet:

Ein Text zu L’enfance du Christ auf der Hector Berlioz-Website

Berlioz’ Brief an À. M. Ella, in dem der Komponist erstens erklärt, aus welchem Anlass er die Komposition begann, und zweitens offen legt, warum der Mittelteil zuerst unter falschem Namen aufgeführt wurde

— 20. Dezember 2007