Platte11

Von Heinz Gelking

Hélène Grimaud: Lektionen des Lebens

Ich bin dann mal weg: Wie bei Hape Kerkeling, den ein Hörsturz und die Entfernung einer Gallenblase zu einer Reise über den Jakobsweg nach Santiago de Compostela veranlassten, war auch bei Hélène Grimaud eine persönliche Krise der Auslöser für eine Reise: Die französische Pianistin war sich selbst fremd geworden und litt an Erschöpfung.

Sie schrieb ein Reisetagebuch und erzählt darin von der Begegnung mit Menschen und vom Nachdenken über sich selbst. Vielleicht unternehmen viele Menschen solche Reisen, doch bleibt es Prominenten und Schriftstellern vorbehalten, darüber Bücher veröffentlichen zu dürfen. Auch ihr werden der Promi-Faktor und der Erfolg ihrer Autobiographie mit dem Titel Wolfssonate dazu verholfen haben, diesen Reisebericht bei Blanvalet unterzubringen.

In der Stadtbibliothek bin ich nun über das Buch gestolpert und habe es ausgeliehen, mit skeptischem Interesse gewissermaßen. Nur wenige Musiker können nämlich wirklich gut schreiben: Alfred Brendel, Peter Gülke, Ingo Metzmacher, ... . Bei den anderen reiht sich Anekdote an Anekdote – manchmal vergnüglich, oft geschwätzig und selten substantiell (ich erinnere mich flüchtig daran, dass Arthur Rubinstein die Sonaten und Partiten für Violine von J. S. Bach in seiner Autobiographie als Etüden bezeichnet hat, die ein Geiger ja gerne zuhause üben könne, die zum Vortrag vor Publikum aber vollkommen ungeeignet wären – was für ein Unsinn!).

Lektionen des Lebens hat mich aus drei Gründen überrascht – negativ und positiv.

Erstens gewann Hélène Grimaud ihre pianistische Reputation nicht zuletzt als Interpretin der Musik von Brahms und Schumann. Über Schumann, dessen Frau Clara und deren Vater, Friedrich Wieck, kann man in ihrem Buch ein paar erstaunlich naive und die Situation der drei Personen romantisierende Sätze lesen, Sätze von jener antiquierten Einseitigkeit, bei der Vater Wieck den bratzigen Philister spielen muss, der dem Glück der sich mit Absolutheit liebenden jungen Menschen im Weg steht. Da hätte man der Schumann-Interpretin mehr zugetraut. Wenn Grimaud über Schumann schreibt, hat das noch lange nicht dasselbe Niveau, wie wenn sie Schumann spielt.

Zweitens erstaunt die Form, in der Hélène Grimaud ihr Buch geschrieben hat. Die Grenzen zwischen einem autobiographischen und einem fiktionalen Text zerfließen hier. Manche Erlebnisse, wie der Angriff eines Wolfs, werden mit jener Präzision erzählt, in der das eigene Verhalten zugleich einer (Fehler-)Analyse unterzogen wird. Diese Teile kann man nur als autobiographischen Bericht auffassen. Über weite Strecken wirkt das Buch aber auch wie ein fiktionaler Bildungsroman – vor allem in der Schilderung der letzten Begegnung, mit einem blinden Geiger, die einen surrealen Charakter hat: Ich ahnte mehr, als ich es sah, dass er mir die Hand reichte. Manchmal habe ich mir als Leser einfach gesagt: Und sollte es so nicht stattgefunden haben, so ist es doch gut erfunden. Womit ich keineswegs behaupte, dass es erfunden ist. Aber das Buch mit seinen aufeinander folgenden Begegnungen und Rückkopplungen zwischen diesen wirkt eben absichtsvoller aufgebaut, als es sich wohl bei einer Reise, während derer man sich treiben lässt, von selbst ergeben würde.


Drittens hat mich – nicht durchgehend, aber über weite Strecken – die Sprache des Buches fasziniert (Übersetzung: Michael von Killisch-Horn). Hélène Grimaud kann schreiben. Sie formuliert oft verspielte, selten überladene und manchmal etwas pathetische Sätze. Ein bei Cicero erschienener Textabschnitt vermittelt davon einen guten Eindruck. Bei dieser sehr fantasievollen, sehr ausgefeilten Sprache (man glaubt tatsächlich, eine französische Schreibtradition darin wieder zu erkennen), darf man durchaus von einer Doppelbegabung sprechen: Die Pianistin hätte das Zeug zur Schriftstellerin. Dazu müsste sie allerdings ein anderes Thema finden als sich selbst.

— 20. Mai 2008

Kommentare

Wenn das französische Schreibtradition sein soll, dann nur eine schlechte! Meiner bescheidenen Meinung nach ist das aktuelle “literarische Werk” der Mademoiselle Grimaud eine unerträglich sülzige Bauchnabelprosa, aufgesetzt und öde. Aber ich bin wohl auch nicht ganz objektiv, denn als Pianistin finde ich sie auch ziemlich banal (ihre letzte Einspielung als medioker zu bezeichnen wäre noch des Lobes zuviel).
Klar stimmt es, was Du hinsichtlich Rubinsteins Memoiren kritisierst. Aber die waren immerhin unterhaltsam, hattten Esprit, und sie boten viel Zeit- und Lokalkolorit.
Da bleibe ich lieber bei Flaubert, bei Proust, bei Celine, bei Genet! Ok, ist nicht ganz fair ;-)
Aber es wäre doch auch langweilig, wenn jeder denselben Geschmack hätte, also meinen Kommentar bitte nicht als persönichen Affront auffassen.

Philipp · 11.06.2008 · #

Nein, Philipp, ich fasse das nicht als Affront auf – die Kommentarfunktion ist ja dazu da, Widerspruch zu ermöglichen ;-)

Unter einer französischen Schreibtradition verstehe ich einen Stil, der sich bewusst von der Alltagssprache absetzt, einen Stil, der verspielt und ein wenig pathetisch, sehr fein ausgearbeitet und manchmal poetisch ist. Verglichen mit den von Dir aufgezählten Franzosen (unter denen das Bukowski-Vorbild Céline sicher ein Sonderfall ist, aber auch wiederum nicht, weil ihm Stil mit Sicherheit so wichtig war wie das Erzählte) oder mit Philipp Claudel (um auch einen Autor der Gegenwart zu nennen), schrieben und schreiben die meisten deutschen Autoren doch ziemlich nah an der Alltagssprache. Mir ist klar, dass man das nicht so einfach pauschalieren kann…

Jetzt ein Satz von Grimaud: “Man spürt, dass sie dem Geheimnis so nah sind, dass sie mit dem Tod auf Du und Du stehen; sie laden ihn zu ihren Kinderfesten, nähen ihn in den Saum ihrer Kleider ein.” Klar, das ist der pure Kitsch. Aber genau so einen Satz könnte man auch bei Philipp Claudel finden (... vielleicht tue ich ihm damit unrecht…).

Wie auch immer: Ich glaube, dass unsere Meinungen über das Buch (“Bauchnabelprosa” – sehr treffend von Dir formuliert!) gar nicht so weit auseinander liegen. Aber ich habe das Buch eben doch auch mehr oder weniger in einem Rutsch (d.h. in drei, vier Tagen) durchgelesen. Hélène Grimaud hat – meiner Ansicht nach – eben doch eine Begabung zum Schreiben.

HG · 12.06.2008 · #
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