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Von Heinz Gelking

Herbert von Karajan und die Schallplatte

Vor hundert Jahren wurde Herbert von Karajan geboren. Kein Dirigent hat dem Medium Tonträger so viel zu verdanken wie er – und das Medium keinem Dirigenten so viel wie ihm. Bis zu seinem Tod mit 81 Jahren hat Herbert von Karajan rund 800 LPs und CDs eingespielt – schlechte, mittelmäßige und solche für die Ewigkeit.

Noch bevor die Alliierten ein nach dem Zweiten Weltkrieg gegen Karajan verhängtes Dirigierverbot aufhoben, nahm Walter Legge den Kontakt zu ihm auf. Legge vertrat die EMI, hatte soeben das Philharmonia Orchestra London gegründet und suchte einen Dirigenten für sein Orchester und seine Schallplattenpläne. Karajan hatte bereits Aufnahmen gemacht und unter anderem 1944 für die Reichs-Rundfunk-Gesellschaft den Schlusssatz der “Achten” von Bruckner in einem neuen, noch gar nicht marktreifen Verfahren eingespielt, nämlich der Stereofonie. Dass der Opportunist zweimal in die NSDAP eingetreten war, schloss für Legge offenbar eine Zusammenarbeit nicht aus. Vermutlich ließ er sich ausschließlich von qualitativen und nicht von moralischen Erwägungen leiten: Auch im nationalsozialistischen Deutschland taugte ein Parteiausweis allein nicht als Fahrschein, um von Ulm über Aachen bis nach Berlin an die Staatsoper zu kommen, wie es Karajan in der relativ kurzen Spanne von nur fünf Jahren gelungen war.

Legge nahm den in Salzburg geborenen, ohne Zweifel hoch begabten Dirigenten unter Vertrag und verschaffte ihm einen Zutritt zum internationalen Schallplattenmarkt. Später erschienen Karajan-Aufnahmen längst nicht mehr nur bei EMI, sondern auch bei der Decca, RCA und vor allem der Deutschen Grammophon Gesellschaft, und er nahm außer mit dem Philharmonia Orchestra auch mit den Wiener Symphonikern, den Berliner Philharmonikern, den Wiener Philharmonikern und dem Orchestre de Paris sowie weiteren Klangkörpern auf. Karajan wurde 1954 der Nachfolger von Furtwängler am Pult der Berliner Philharmoniker und 1956 zusätzlich Künstlerischer Leiter der Wiener Staatsoper (deren Orchester die Wiener Philharmoniker sind). Innerhalb von zehn Jahren war er damit zur mächtigsten Person auf dem Klassikmarkt aufgestiegen und konnte Orchester ebenso wie Plattenfirmen gegeneinander ausspielen.

Herbert von Karajan am Mischpult; Foto: Siegfried Lauterwasser / DG

Nur bei wenigen Dirigenten der Schallplattengeschichte kann man darauf vertrauen, dass der Klang ihrer Aufnahmen ziemlich gut ihren tatsächlichen musikalischen Intentionen entspricht. Im Prinzip verzichten Toningenieure natürlich auf die bewusste Manipulation des Klangs; sie wollen ihn ja möglichst naturgetreu speichern. Trotzdem beeinflusst ihre Arbeit ganz entscheidend das, was sich später als Aufnahme auf dem Masterband befindet. Der EMI-Produzent Suvi Raj Grubb erzählt in seinen Memoiren, wie er dem Dirigenten Otto Klemperer erklärt hat, dass mithilfe von Bandschnitten aus zwei unvollkommenen Aufnahmen eine vollkommene zusammengeklebt werden könne. Klemperer wehrte sich dagegen: “Nein, nein, das ist nicht mehr meine Aufführung, sondern Ihre.”

Karajan mochte zwar auch keine Schnitte, begriff die Möglichkeiten der Aufnahmetechnik aber als Chance. Es gibt unzählige Fotos, die ihn zwischen Bandmaschinen und Mischpulten zeigen, die Hände an den Reglern, als hätte er auch im Regieraum noch den großen Zampano gegeben und alles dirigiert. Ob die Aufnahmetechniker froh über diese Einmischung waren? Jedenfalls darf man bei Karajan annehmen, dass seine Platten klingen, wie er das wollte, und in den Proportionen zwischen Streichern, Holzbläsern und Blech sowie der dynamischen Abstufung des gesamten Orchesters vollkommen seinen Intentionen entsprechen. Er arbeitete nahezu ausschließlich mit Toningenieuren, denen er seit Jahren vertraute. Trotzdem scheint auch in seinen Aufnahmen der typische “Hausklang” der jeweiligen Plattenfirmen durch.

Karajan war der erste Dirigent, der nicht nur wie ein Musiker, sondern gleichzeitig wie ein Produzent dachte. Wie weit das ging, zeigt ein Brief an Legge, in dem er wünscht, Sibelius-Sinfonien aufzunehmen. Er schreibt, dass ihm die “Siebte” eigentlich näher liege, er aber trotzdem eine Aufnahme der “Fünften” vorschlage, weil deren Instrumentierung klarer sei, während die “Siebte” ziemlich dick und mit Brahms zu vergleichen wäre, der sich ja im Allgemeinen nicht so einfach aufnehmen lasse … Unvorstellbar, dass Wilhelm Furtwängler oder Otto Klemperer sich von solchen Überlegungen bei der Repertoirewahl leiten lassen hätten!

Manche musikalischen Entwicklungen – zum Beispiel die historische Musizierpraxis – hat Karajan an sich vorbei ziehen lassen. Aber wenn es um die Einführung neuer Techniken ging, war er ganz vorne mit dabei. Er spielte 1951 die erste Vinyl-Veröffentlichung der EMI, 1980 die erste CD der DGG ein (jeweils mit Werken von Strauss), für die CD machte er sich im Sommer 1982 stark, indem er sie mit der berühmt-berüchtigten Feststellung präsentierte, dass davor “alles andere Gaslicht” gewesen sei. Außerdem wandte der von Eitelkeit nicht freie, aber auch visionäre Dirigent sich der Bildplatte zu, wo man ihn nicht nur hören, sondern auch sehen konnte. Noch an seinem Todestag hatte er sich mit Norio Ohga, dem Präsidenten von Sony getroffen, um die Vermarktung von Konzert- und Opernfilmen zu planen.

(Ende von Teil 1; Teil 2 mit einer Würdigung von Herbert von Karajan als Interpret und der Vorstellung einzelner Aufnahmen folgt hier. Der gesamte Text erschien erstmals in image hifi 3/2008)

—  8. Dezember 2009