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Von Heinz Gelking

Herbert von Karajan und die Schallplatte, Teil 2

Dies ist Teil 2 des Artikels, Teil 1 finden Sie hier.

Karajan wurde schon früh als ein Dirigent wahrgenommen, der sich in seiner Arbeit stark darauf konzentrierte, den Orchesterklang zu formen. Der Musikkritiker Hans Heinz Stuckenschmidt schrieb 1954 über ein Konzert in der Berliner Philharmonie: “Nur ein überfeinertes Klanggefühl kann dieser impressionistisch-rauschhaften Partitur der Tallis-Fantasie ihre letzten Geheimnisse abhorchen. Gerade das aber ist Herbert von Karajans Sache. Seine ganze Musikausdeutung geht ja vom Klang aus, von der Perfektion eines Schallbildes, für das ihm besondere Nerven gewachsen sind.”

Am Anfang seiner Schallplattenkarriere führte die Fixierung auf den Klang noch nicht dazu, dass seine Interpretationen aus der Balance gerieten, weil er sich dirigierend an zwei gegensätzlichen Vorbildern orientierte: einerseits strebte Karajan eine ähnliche Perfektion in der Umsetzung der Partitur an wie Arturo Toscanini, andererseits lobte er an Furtwängler “diese fast magischen Übergänge” und sagte über die bis dahin von Furtwängler geleiteten Berliner Philharmoniker ein wenig unbeholfen (der so begabte Dirigent war kein Rhetoriker): “Dieses Orchester musiziert in erster Linie aus dem Herzen heraus, nicht weil das eiskalt oder kristallklar, sondern weil es aus dem Gefühl heraus kommt.”


Gelang ihm die Verbindung von Toscaninis Perfektion und Furtwänglers Magie? – Foto: Siegfried Lauterwasser / DG

Später geriet diese Konstellation aus der Liebe zum Klang, zur Werktreue und zur freien Nachschöpfung oft in eine Schieflage: Karajan strebte immer stärker nach einem reinen, schönen Klang. Nun sollte ein “schöner” Orchesterklang das Ziel eines jeden Dirigenten sein, und zu den wichtigsten Elementen in der Ausbildung von Instrumentalisten gehört die von Nebengeräuschen möglichst freie Tonentfaltung. Doch aus manchen späten Karajan-Einspielungen scheint alles getilgt zu sein,was überhaupt erkennen ließe, dass die Musik von Menschen gemacht wird, und der Klang wirkt beinahe synthetisch und kaum mehr kann man in der Musik das Hinzutreten einzelner Stimmen wahrnehmen. Das Orchester hört sich an wie eine psychedelische Farbfläche, auf der sich permanent, doch unmerklich die Kolorierung ändert.

Wolfgang Sandner schrieb 1985 in einem Lexikonartikel, dass die von Herbert von Karajan vertretene Ästhetik des Wohlklangs in Verbindung mit dem großen Interesse an perfekter Klangwiedergabe vor allem auf Tonträgern bisweilen fast zum Substitut für die Musik selbst geworden sei. Diese Kritik ist berechtigt. Manchmal stülpte Karajan seine Klangvorstellungen ganz unterschiedlichen Musikstilen über. Dann kam die C-Moll-Messe von Mozart schon mal im selben Klanggewand daher wie das Deutsche Requiem von Brahms, und was man hörte, war weder Mozart, noch Brahms, sondern – Karajan.

(Ende von Teil 2; Teil 3 mit einer Vorstellung einzelner Aufnahmen folgt hier. Der gesamte Text erschien erstmals in image hifi 3/2008)

— 11. Dezember 2009