Platte11

Von Heinz Gelking

Herbert von Karajan und die Schallplatte, Teil 3

Dies ist Teil 3 des Artikels, Teil 1 finden Sie hier, Teil 2 finden Sie hier.

Welche Aufnahmen man braucht.
Und welche nicht.

Der Versuch, Aufnahmen mit ein paar Halbsätzen zu sortieren, ist gewiss unfair. Ich werde es ausnahmsweise trotzdem tun. Karajans Einspielungen sind an dieser Stelle immer wieder in Interpretationsvergleichen ausführlich gewürdigt worden (gemeint war damals die Zeitschrift image hifi, für die ich rund 10 Jahre lang über klassische Musik schrieb). Hier und heute geht es aber eher darum, den LP-Sammlern und CD-Käufern eine grobe Orientierung zu geben.

Also, Karajan in zehn Thesen!

1. Niemand braucht Karajan-Aufnahmen von Musik aus der Zeit vor Beethoven, es sei denn, herausragende Solisten wie Dennis Brain bie den Hornkonzerten von Mozart (EMI 1953) können über den inszwischen unzeitgemäßen Stil hinwegtrösten.

2. Angreifbar sind auch seine Einspielungen von Musik der Romantik (nicht: Spätromantik), beispielsweise der Sinfonien von Mendelssohn und Schumann (DGG 1970/72). Karajan lässt sie von seinem luxuriös klingenden Orchester so weich spielen, dass ihre Strukturen verwischen und man kaum noch hört, dass die Romantik auch ein Aufbruch war.

3.Problematisch sind seine Aufnahmen von Musik, die eine hohe rhythmische Präzision verlangt und ein beharrlich kühles Herz, das sich nicht mitreißen lässt und seinen Stiefel durchzieht: Den Boléro von Ravel oder Le sacre du printemps (beide DGG 1964) haben Pierre Boulez oder Pierre Monteux besser im Griff. Apropos Ravel: Karajans Aufnahme von La valse mit dem Orchestre de Paris ist von dunkel schimmernder, gefährlicher Sinnlichkeit – grandios (EMI 1972).

4. Bei französischer Orchestermusik nach der Jahrhunderwende wie La mer von Debussy oder Daphnis et Chloé von Ravel (DGG 1964) sowie von Musik der Neuen Wiener Schule (DGG 1972/74) ist Karajan großartig, weil sein Klangsensualismus dazu passt. So “schön” wie bei ihm klingt die Musik von Berg, Schönberg und Webern nirgendwo sonst!

5. Wenn er sich ausnahmsweise weit ins 20. Jahrhundert vorgewagt hat, dann bei Musik, die schon “durchgesetzt” war. Prokofjews “Fünfte” und Schostakowitschs “Zehnte” klingen bei ihm vielleicht nicht “russisch”, aber wuchtig, nobel und sehr, sehr eindringlich (DGG 1966/68). Eben wie große Sinfonien und nicht wie Spektakel.

6. Sein Kernrepertoire liegt bei Brahms, Bruckner, Tschaikowski, Sibelius, Grieg und Strauss. Alleine sieben Einspielungen der Symphonie Pathétique oder drei der “Achten” von Bruckner (EMI 1957, DGG 1975 bzw. 1988) belegen, wie Karajan sich um die spätromantische Sinfonie bemüht hat. Mit den Berliner Phiharmonikern hatte er das ideale Orchester für dieses Repertoire zur Verfügung. Von atemberaubender Sogkraft und delikater, magischer Schönheit ist die Einspielung von Strauss’ Tod und Verklärung (DGG 1970).

7. Locker bleiben! Zu den schönsten Momenten, die man als Hörer mit Karajan haben kann, gehören die Ungarischen Tänze von Brahms und die _Slawischen Tänze von Dvořák und – warum nicht? – Knallbonbons mit Titeln wie Leichte Kavallerie von Suppé oder Rossini-Ouvertüren, all diese “Showpieces”, die er für die DGG und EMI so oft aufgenommen hat. Die Walzer der Familien Strauß hat allenfalls Carlos Kleiber so mitreißend in Schwung gebracht wie Karajan (DGG 1970).

8. Die einzigen Instrumentalisten, die es über mehrere Aufnahmen mit ihm ausgehalten haben, scheinen Christian Ferras und Anne-Sophie Mutter zu sein. In Karajans Diskographie gibt es bei den Instrumentalkonzerten überraschende Lücken. Aber Karajan war überragend als Begleiter von Sängerinnen. Er brachte sie in Orchesterlieder-Aufnahmen dazu, ihren Part wie eine weitere Stimme in den Orchestersatz fließen zu lassen- Dei Berliner Philharmoniker und er trugen Gundula Janowitz in den Vier letzten Liedern von Strauss (DGG 1973) ebenso auf Händen wie Christa Ludwig in Mahler-Liedern (DGG 1975).

9. Zu Karajans aufregendsten (und am besten klingenden Einspielungen gehören die mit John Culshaw von der Decca produzierten italienischen und französischen Opern. Offenbar waren sich beide darin einig, Otello (1961), Tosca (1962) oder die von der Decca produzierte, aber von der RCA veröffentlichte Carmen im Cinemascope-Format auf die Klangbühne zu bringen. Karajan setzte im Orchester auf extreme dynamische Kontraste und Drama pur, Culshaw fügte Windmaschinen, echte Kanonenschüsse und klirrend hingeworfene Degen hinzu, und die Puristen schüttelten ihre weisen Häupter … Über einzelne Sängerleistungen in diesen Produktionen (del Monaco, Freni, die Stefano) mag man streiten können, aber der Unterhaltungswert dieser Aufnahmen ist enorm. Später folgte noch eine längst legendäre La Bohème mit dem noch jungen Pavarotti (Decca 1972).

10. Die Einspielungen von Strauss- und Wagneropern. Unter anderem ein Rosenkavalier für die einsame Insel (EMI 1956), mit Christa Ludwig und Elisabeth Schwarzkopf, und eine ergreifende Salome mit José van Dam und Hildegard Behrens (EMI 1977). Nicht zu vergessen ein Ring von Wagner, der ganz anders war als bis dahin üblich: Verhältnismäßig leichte Stimmen, die nicht brüllten, sondern sangen, und dazu ein Orchesterklang, den man in diesem Farbreichtum und dieser Freude an der Ausformung klingender Details, die in einen endlosen Klangstrom eingebettet waren, noch nicht gehört hatte (DGG 1966-70). Sein Meisterstück in Sachen Wagner lieferte der Meisterdirigent vermutlich mit den bis heute unübertroffenen, weil nicht nur orchestral großartigen, sondern auch bei den Sängern bestens besetzten Meistersingern (EMI 1970) ab.

(Ende des letzten Teils; der gesamte Text erschien erstmals in image hifi 3/2008)

— 12. Dezember 2009