Platte11

Von Heinz Gelking

Hören durch die Butzenscheibe?

Der folgende Artikel war eine Replik auf einen Artikel, den Roland Kraft in den hifi tunes veröffentlicht hatte. Dieser Artikel scheint im Moment nicht mehr online zu sein (Stand: 26.04.2007). Für mich beschreibt mein Text aber immer noch ganz gut, was ich von Hifi erwarte.

Haben Sie „Ein Lautsprecher, zehn Meinungen“ auf www.hifi-tunes.de gelesen? Mein Kollege bei image hifi, Roland Kraft, erzählt dort fünf Jahre nach seinem legendären Rondo-Artikel noch einmal, warum er gerne mit Breitbändern (und anderen „exotischen“ Geräten) Musik hört. Ein typischer Artikel von Roland – unbedingt lesenswert! Und er darf natürlich Musikhören womit er will (wäre ja auch noch schöner, wenn wir bei einer Autoren-Zeitung versuchen würden, uns gegenseitig zu bevormunden). Ich bin aber ganz anderer Meinung als er, habe ihn angerufen und angekündigt, ihm hier ein bißchen zu widersprechen. Seine Behauptung, es gäbe keine objektiven Beurteilungskriterien für Lautsprecher und Hifi, teile ich nämlich nicht. Für mich bleibt der Lautsprecher mit dem geraden Frequenzgang und dem höheren Auflösungsvermögen jedenfalls der bessere Lautsprecher. Und mehr Spaß macht er sowieso.

Die Musiker sollen bestimmen, wie es klingt

Stellen Sie sich eine ideale Opernaufnahme vor. Die Plattenfirma hat einen Raum mit guter Akustik angemietet, ein Orchester und Sänger engagiert und einen Dirigenten unter Vertrag genommen. Der Dirigent hält den ganzen Apparat musikalisch zusammen. Unter anderem sorgt er dafür, dass sich im Klang eine Ballance einstellt, dass also das Blech beispielsweise nicht die Streicher übertönt, dass das gesamte Orchester wiederum nicht die Sänger übertönt und so weiter. Die Behandlung der Dynamik (und vieler anderer Dinge, auf die ich hier nicht eingehe) liegt also in den Händen des Dirigenten sowie der Musiker. Da gehört sie auch hin. Nebenbei: Im Interview, das ich mit dem Leipziger Streichquartett für die soeben erschienene image hifi-Ausgabe geführt hatte, bestätigen die Musiker genau diese Vorstellung von einer „idealen“ Aufnahme.

Die Tontechnik schafft so etwas wie ein „Abbild“

Das Aufnahmeteam wählt die Mikrofone und deren Abstände so aus, dass der Klang möglichst unverfälscht eingefangen wird (ich spreche von einer idealen Aufnahme und lasse Themen wie Dynamikbegrenzer bewusst außen vor). Mit der Aufnahme entsteht so etwas wie ein Abbild der Musik. Was wir später auf der CD hören werden, ist keine Opern-Aufführung, sondern so etwas wie die Abbildung einer Opernaufführung. Es wäre naiv, zu glauben, dass dabei alles 1 zu 1 übertragbar ist, und von Schnitten und anderen Maßnahmen, mit denen die Tontechnik eingreift, will ich hier gar nicht reden. Besonders (selbst-)kritische Musiker nehmen ihre Aufnahmen übrigens noch einmal ab, das heißt, sie hören das zusammengeschnittene Endprodukt, bevor es in die Produktion und den Verkauf geht. Worauf ich hinaus will: Zuerst tragen die Musiker Verantwortung für das, was wir hören, dann die Aufnahmetechnik. Letztere sieht im Idealfall ihre Aufgabe darin, möglichst viel von dem Klang der Musik ins Medium (= ins Abbild der Musik) zu retten. Das ist übrigens auch der alte Hifi-Gedanke: High Fidelity bedeutet ja „Hohe Wiedergabetreue“.

Halten wir das noch mal fest, damit es ganz klar wird:

1. Wie die Musik klingt, liegt zuerst in der Verantwortung der Musiker.
2. Die Aufnahmetechnik stellt von dem, was man im Aufnahmeraum hört, so etwas wie ein Abbild her.
3. Die Musiker (nicht alle, aber einige) hören sich dieses Abbild an und prüfen, ob es ihren Intentionen entspricht.

Und jetzt?

Jetzt kommen Roland Kraft und die Hersteller ganz bestimmter Elektronik und ganz bestimmter Lautsprecher. Wissen sie besser als die Musiker und der Tonmeister, wie eine Aufnahme zu klingen hat? Es stört sie jedenfalls überhaupt nicht, wenn bestimmte Details, die objektiv zur Musik gehören, auf dem Tonträger nicht hörbar sind, obwohl bessere (ich ziehe mich bewusst nicht zurück auf ein subjektives „mir besser gefallende“) Lautsprecher zeigen, dass diese Details „drauf“ sind. Das feine Vibrato, das die Stimme der Sopranistin unverwechselbar macht? Die Unterschiede zwischen einem Kontrabass-Pizzikato der Berliner Philharmoniker („Blubb“) und der Wiener Philharmonikern („Plopp“)? – Solche Feinheiten lösen manche der „exotischen“ Lautsprecherkonstruktionen gar nicht auf. Die Fans jener Lautsprecher erzählen allerdings, dass diese „musikalischer“ klängen… Wie war das noch mal? – Dafür, wie es klingt, sind zuerst die Musiker, dann die Aufnahmetechniker zuständig, oder? Roland Kraft und die Hersteller der von ihm favorisierten Geräte sehen das offenbar anders.

Was ist die Aufgabe von Hifi?

Ich habe mal mitbekommen, wie ein Verstärker-Entwickler interviewt wurde (nicht von mir, sondern von unserer Kollegin Dr. Petra Kirsch, die bei image hifi die Firmenportraits schreibt). Und auf die Frage, was seine Verstärker machen sollen, sagte Bernd Sander von audionet schlicht: “Das Signal um den Faktor 30 verstärken.” Darum geht’s nämlich. Musiker und Tontechniker bestimmen, was das Signal enthält. Der Entwickler von Hifi-Geräten hat eine rein technische Aufgabe – keine interpretierende. Dabei ist es mir übrigens vollkommen egal, ob der Entwickler rein messtechnisch, rein hörend oder messend und hörend eine Frequenzweiche oder eine Verstärkerschaltung baut. Entscheidend ist, dass ich am Ende die Möglichkeit habe, den Tonträger in seiner ganzen Vielfalt zu hören – einschließlich seiner Mängel, aber auch einschließlich aller Details.

Stimmt: Live ist kein Maßstab

In einem Punkt stimme ich Roland Kraft zu: Live ist kein Maßstab, kann keiner sein, weil wir bei der Aufnahme ja nicht dabei waren und die Aufnahmetechnik (die einzige Instanz, die neben den Musiker vielleicht ein wenig an der Interpretationsschraube drehen darf, es eigentlich aber bleiben lassen sollte) unseren späteren Höreindruck natürlich beeinflusst. Wie also den besseren Lautsprecher vom weniger guten unterscheiden? Die Idee stammt nicht von mir, ich weiß aber nicht mehr, wer sie vorgetragen hat – jedenfalls ist es einfach: Je unterschiedlicher verschiedene Tonträger auf einer Anlage klingen, je mehr Elektronik und Lautsprecher die spezifischen Eigenschaften der Aufnahmen wiedergeben, desto besser sind sie. Eine scharf klingende Aufnahme klingt in den Höhen gepfeffert, eine weich klingende Aufnahme klingt in den Höhen matt – und so weiter.

Butzenscheibe oder klares Glas?

Gutes Hifi wirft neutrales Tageslicht auf das Abbild, das der Tonträger enthält. Gutes Hifi soll das Betrachten dieses Abbilds nicht mehr stören als klares Glas. Wer eine braune Butzenscheibe davorhalten will, der kann das machen. Er sollte aber nicht mit Zitaten argumentieren wie „...will nicht wissen, wo die Musiker auf der Bühne stehen, sondern warum sie auf der Bühne stehen.“ Das wollen andere Hörer nämlich auch. Und das können sie auch, wenn die Musiker das vermittlen und die Techniker es auf die Aufnahme übertragen konnten. In einigen Fällen dürfte man übrigens billiger zum Butzenscheiben-Hören kommen, wenn man sich preiswertes Korea-Hifi zulegt und beim Hören eine Decke über den Kopf wirft. Das schluckt bekanntlich auch ein paar Details.


Wieviel Hybris gehört dazu, wenn ein Entwickler die Musik mit seinem Lautsprecher oder Gerät „interpretieren“ will, wenn er sich als „Sound-Creator“ versteht? Sind ihm die Leistungen der Musiker und Aufnahmetechniker gleichgültig?
Welche Vorstellung von Hifi ist am Ende denn technikzentriert? Diejenige, die den Tonträger so vollständig wie möglich hören will, oder diejenige, welche es dem Entwickler und seinen Lautsprechern oder Geräten, also der Technik, überlässt, was „schön“ klingt?

— 26. April 2007