Platte11

Von Heinz Gelking

In tempus praesens: Anne-Sophie Mutter spielt Gubaidulina und Bach

Short summary in English: Bach’s violin concertos just fill the CD. The important work is “In tempus praesens” by Sofia Gubaidulina – music full of tension and spirituality. Anne-Sophie Mutter, the London Symphony Orchestra and Valery Gergiev are great performers.

Sofia Gubaidulina hat In tempus praesens für Anne-Sophie Mutter geschrieben. Die Geigerin koppelte das von ihr uraufgeführte Werk im Jahr 2007 auf einer CD mit zwei Violinkonzerten von Johann Sebastian Bach.

Anne-Sophie Mutter, Sofia Gubaidulina und Valery Gergiev im Tonstudio. Photo: (c) Harald Hoffmann / Pressematerial DG

Im groß besetzten Orchester fehlen die Violinen. So steht die Solistin ihm in dem fünfteiligen Werk alleine gegenüber, bekommt aber auch die Chance, sich vom London Symphony Orchestra unter der Leitung von Valery Gergiev abzuheben. Die Geige beginnt den ihr zugestandenen Raum zu vermessen. Sie schraubt und schiebt sich in kleinen, zwischendurch immer wieder abfallenden Intervallen bis in sphärische Höhen. Dann setzt das Orchester ein; nach und nach fächert es seine Klänge auf. Die Geige singt drängender, mit übersattem Ton und mit den Engelszungen zartester Flageoletts, mit verlorenen Einzelnoten und dicken Doppelgriffen. Sie fleht, seufzt, fordert, betet. Ein Dialog kommt in Gang. Die Macht des Orchesters kommt aus der Kraft und Vielfalt seiner Klänge, der Anmut seiner Holzbläser, dem Stolz des Blechs mit den Wagner-Tuben, der unwirschen Wucht der Pauken, dem höllischen Grummeln der tiefen Instrumente, einem alles erschütternden Gong und der Macht rhythmischer Schläge. Sofia Gubaidulina hat mit In tempus praesens Musik von intensiver Spannung und plastischen Gesten geschrieben. Diese Musik lässt niemanden, der offene Ohren hat, kalt.

Anne-Sophie Mutter hat sich in letzter Zeit immer wieder mit zeitgenössischer Musik beschäftigt. Sie ist für dieses Violinkonzert die ideale Interpretin. Die aus Tschistopol stammende, in Deutschland lebende Komponistin bewundert an ihr “die intensive lyrische Spielweise, die hervorragend farbvolle Palette der Klänge, sehr differenzierte Klangfarben und außerdem das Formgefühl und die perfekte Phrasierung.” Am Ende des Werks öffnet sich für die Violine und das Orchester ein Ausgang ins gleißende Licht – die Musik von Sofia Gubaidulina hat immer auch eine spirituelle Komponente. Das kann man nicht überhören.

Unbefriedigend finde ich die Kopplung mit zwei Violinkonzerten von Johann Sebastian Bach (BWV 1041 und 1042), auch wenn sie auf einer Vereinbarung zwischen Anne-Sophie Mutter und Sofia Gubaidulina beruht. Vielleicht treffen sich hier “Seelenverwandte”, wie die Geigerin in einem Interview gesagt hat, aber gerade diese für den Köthener Hof oder das Collegium Musicum in Leipzig entstandenen Konzerte sind so festlich-repräsentativ und diesseitig, dass sie dem widersprechen. Zumal die Geigerin – ausgerüstet mit einem barocken Bogen, aber modern eingerichtetem Instrument – dem konzertanten Glanz der Musik nichts schuldig bleibt, genau wie die fantastischen Trondheim Soloists. Anne-Sophie Mutter hat unüberhörbar eine Entwicklung vom “reinen Schönklang” hin zu einer lebendigeren und näher bei der historischen Aufführungspraxis stehenden Interpretationshaltung vollzogen.

Aber der Grund für eine Empfehlung dieser CD liegt ganz klar bei In tempus praesens.

— 13. September 2010