Platte11

Von Heinz Gelking

Ingo Metzmacher: Keine Angst vor neuen Tönen

Der bekannte Dirigent Ingo Metzmacher schreibt über sein Lebensthema, die Neue Musik.

Der neuen Musik haftet oft etwas Unnahbares an. Viele Menschen haben den Eindruck, ein Großteil der während der vergangenen 100 Jahre entstandenen Werke sei gar nicht für “gewöhnliche” Hörer geschrieben worden, sondern wende sich an Insider-Kreise, die in Donaueschingen oder Witten ihre konspirativen Treffen abhalten. Hand aufs Herz, wer hört schon Cage, Nono oder Stockhausen?

Wenige.

Ingo Metzmacher versucht in seinem toll geschriebenen und entsprechend gut lesbaren Buch die Schwellen und Barrikaden einzureißen und einem breiteren Publikum die Musik der Gegenwart nahezubringen. Er geht dabei nicht systematisch oder chronologisch vor, sondern betrachtet in lockerer Folge übergreifende Phänomene wie den Klang, die Natur, das Geräusch, die Zeit, das Bekenntnis oder die Stille und stellt ganz unterschiedliche Komponisten und Werke vor. Mahler und Debussy kommt für ihn der Rang von Pionieren zu, Schönberg und Strawinski ordnet er als Klassiker ein, und mit seinen Texten über Charles Ives, Edgar Varèse und Olivier Messiaen hat er ausdrucksstarke Portraits von Außenseitern in der Musik des 20. Jahrhunderts geschaffen. Metzmacher verzichtet auf Fachchinesisch, aber er macht sein großes Thema, wie die Musik in die Welt kommt, auch nicht kleiner als es ist: Für Staunen und Fragen bliebt – zum Beispiel im Interview mit dem Komponisten Anton Plate – genügend Raum.

Wer dieses Buch gelesen hat, der gibt der Musik seiner Zeit vielleicht doch noch einmal eine Chance.

Ingo Metzmacher
Keine Angst vor neuen Tönen
Rowohlt-Verlag, 190 S., 16,90 Euro

Anmerkung: Der Text erschien erstmals in image hifi 6/2008. Schon damals war das Buch nicht neu, aber es hatte mich begeistert und ich wünschte ihm möglichst viele Leser, weshalb ich darüber schrieb. Kritisch könnte man allenfalls betrachten, dass selbst für Ingo Metzmacher die “neuen” Töne von so “historischen” Komponisten wie Ives oder Varèse stammen.

—  5. Dezember 2009