Platte11

Von Heinz Gelking

Isabelle Antena: Les derniers guerriers romantiques

Toningenieur Bruno Donini sowie Dirk Schoufs und Isabelle Antena haben sich richtig Mühe gegeben: Les disques du crépuscule TWI 933, eine LP von 1991, klingt fantastisch!

Eine junge Frau namens Isabelle geht von Paris nach London und wird au pair bei Rick Wakeman, dem Keyboarder von Yes. Als sie zurück nach Frankreich kommt, hat sie zwei Dinge gelernt: fließend Englisch zu sprechen und dass man von Musik leben kann.

Mit Freunden gründet Isabelle eine Band und nennt sie Antena – nach einem Song von Kraftwerk. Außerdem singt sie bei Tuxedomoon und Cabaret Voltaire mit.

Die Band Antena geht 1981 auseinander, kurz nach der Veröffentlichung des ersten Albums Camino del sol. Isabelle bleibt, macht weiter und nennt sich jetzt Isabelle Antena. Zehn Jahre und eine handvoll Alben später: Isabelle Antena ist bekannt für einen Musikstil, in dem Samba und Bossa Nova, Elektro-Pop und Jazz und die Synthesizer zu etwas Neuem vergoren sind. Sie lernt Dirk Schoufs kennen, einen Kontrabassisten und Komponisten, der mit Vaya con dios gerade auf einer Erfolgswelle schwimmt. Es funkt privat wie musikalisch und die beiden beginnen zusammen zu arbeiten. Marco De Mersmann (Drums) und Fritz Sundermann (Gitarre) sind mit an Bord. Sundermann bringt seinen Vater Freddy Sunder mit, einen belgischen Jazz-Gitarristen, der für Les derniers guerriers romantiques die Streicher- und Bläser-Arrangements machen wird.

Les derniers guerriers romantiques, eingespielt zwischen Dezember 1990 und Februar 1991, hat mit der Synthesizer-lastigen Musik früherer Jahre nichts mehr zu tun. Und auch der Gymnasiasten-Sound, der von Tuxedomoon und Cabaret Voltaire auf Isabelle Antena abgefärbt hatte, scheint sich vollkommen in Luft aufgelöst zu haben. Les derniers guerriers romantiques trägt deutlich den Einfluss von Dirk Schoufs und seiner Kollegen aus dem Jazz sowie der Instrumente, die sie mitbringen: ein Kontrabass, Gitarren, ein Klavier, zwei Trompeten, zwei Saxophone und eine Posaune – - – ja, so eine richtig schöne, fetzige Bläser-Sektion!

Hinzu kommt Bruno Donini – „ingénieur du son“ im Square-Studio Bruxelles. Und damit eröffnet sich ein weiterer Aspekt: Isabelle hatte schon ihre erste Arbeit im Aufnahmestudio zehn Jahre zuvor als „brillante Erfahrung“ beschrieben und ab 1983 auf Mercury-Kosten zwei Jahre lang mit Martin Hayles und Alan Moulder in Londoner Top-Studios an dem Album En Cavale gearbeitet (das heraus zu bringen Mercury am Ende der Mut fehlte – es erschien bei Les disques du Crépuscule). Schoufs wiederum hatte schon den Sound von Vaya con dios nicht nur mit seinem Kontrabass geprägt, sondern auch als Produzent, Komponist und Texter wesentlich bestimmt. Und man merkt Les derniers guerriers romantiques tatsächlich an, dass mit Isabelle, Dirk Schoufs und Bruno Donini drei Leute für den Klang verantwortlich waren, für die das Studio nicht lästig war, sondern ein Ort, an dem Kreativität frei gesetzt wurde. Allein der Anfang des Albums, wenn man als Hörer den Eindruck hat, eine Bar zu betreten, ist die Platte wert. Les derniers guerriers romantiques hat ein maßgeschneidertes, schlichtweg perfektes Klanggewand. Natürlich ist aus der Elektro-Pop-Sirene Isabelle nicht innerhalb weniger Monate eine aufregende Jazz-Vocalistin geworden. Der Jazz, den man auf Les derniers guerriers romantiques hört, ist am Ende auch nicht „echter“ als bei Sade. Aber die Instrumente sind echt: der Sound der Bläser, die dicken Kontrabass-Saiten, die schillernden Becken des Schlagzeugs. Und kommt er da nicht eigentlich her, der Jazz, aus den Bars und den Tanzlokalen, von den siffigen kleinen Bühnen, die unter ein paar altersschwachen Scheinwerfern zu glamourösen Orten werden, wenn nur die richtigen Leute sie betreten? Hier stricken erstklassige Musiker für Isabelle eine Musik voller Sinnlichkeit und Atmosphäre. Die singt derweilen über L’amour sauvage und wie man im Krieg der Geschlechter wider die Regeln sein kaltes Blut verliert. Das macht sie ziemlich sexy, und darum hört man ihr so gerne zu.


Meine LP (Les disques du crépuscule, TWI 933, Made in Holland) hat eine erstklassige Fertigungsqualität und einen richtig „audiophilen“ Klang.

— 18. April 2007