Platte11

Von Heinz Gelking

Jan Garbarek Group: Dresden (ECM 2100)

Short summary in English:

Garbarek’s music consists of beautiful melodies. His colleagues add the groove. Highly recommended! The sound quality is average.

Dieser geradlinige Ton ist einfach unverwechselbar. Bei Jan Garbarek klingt das Saxophon wie eine Oboe oder eine Trompete – ein fast klassisch-kultivierter Klang. Wärme, Inbrunst oder Ekstase sind keine Attribute, die man ihm spontan zuschreiben möchte. Garbareks Stärken liegen in seinen genialen melodische Einfällen – ganz egal, ob sie nun, was selten der Fall ist, auf das Great American Songbook anspielen, in norwegischer Volksmusik wurzeln oder ganz andere Inspirationsquellen haben.

Dresden ist Garbareks erstes Live-Album unter eigenem Namen. Es entstand während eines Auftritts im dortigen Alten Schlachthof. Sein Ensemble hatte der norwegische Musiker aus alten Bekannten sowie einem neuen Mitglied zusammengestellt. Statt Eberhard Weber spielt hier Yuri Daniel. Der aus Brasilien stammende Bassist lebt in Portugal und wurde in Europa durch seine Mitarbeit in der Band von Maria João recht bekannt. Als Stütze, ja als ruhender Pol des Quartetts erweist sich Rainer Brüninghaus am Klavier und am Keyboard – insofern von einer Stütze auch wichtige eigenen Impulse ausgehen können, denn das ist hier der Fall. Brüninghaus agiert wie ein Maler. Er ist zuständig für Farben, Flächen, Räume, Atmosphäre, Girlanden. Manu Katché sorgt zusammen mit Yuri Daniel in dieser Formation für den Groove. Der französische Schlagzeuger erweist sich als treibende Kraft hinter vielem, was hier rhythmisch und mit Bezug auf das Tempo passiert. Sein Spiel ist nie grob, immer beweglich und filigran. Jedes Quartett-Mitglied präsentiert sich auf dieser Doppel-CD übrigens auch mit einem eigenen Stück solo.

Zugegeben, nicht alles, was Garbarek in den letzten zehn, zwanzig Jahren veröffentlicht hatte, war wirklich aufregend. Seine Zusammenarbeit mit dem Hilliard-Ensemble schien mir damals auf ziemlich ödes Kunstgewerbe hinaus zu laufen. Officium und Mnemosyne schwammen wie Fettaugen auf dem Crossover-Boom der neunziger Jahre, und ich hatte das Gefühl, es ginge überhaupt nicht um Musik, sondern um Ambiente. Bei Garbarek plus Chor konnte man Laminatböden, schwarze Ledersofas und Glastische heraushören.

Alles im Fluss: Dresden ist anders. Man erlebt vier erstklassige Musiker, die im Oktober 2007 in ihrem von Lust und Laune geprägten Zusammenspiel zu großer Intensität gefunden hatten und von Inspiration geküsst waren. Die Garbarek-Saat geht hier auf, wie nie zuvor: Weder ganz fremde noch wirklich vertraute Melodien werden nicht etwa zerlegt, sondern ausgebaut, weiter entwickelt und um moderne Klavierklänge sowie Bass und Schlagzeug ergänzt. Alles ist im Fluss, hat Energie, atmet Freiheit.

Nicht ganz glücklich bin ich mit der Klangqualität der Aufnahme. Die Instrumente wirken etwas synthetisch und körperlos – kein gravierendes Problem, aber in Anbetracht der etwas höheren Erwartungen, die man an eine CD von ECM stellt, doch nicht vollauf befriedigend. Wenn sich die beiden CDs trotzdem seit Tagen immer wieder im Auto wie im Wohnzimmer im CD-Player drehen, muss es wohl an der Musik liegen … Dicke Empfehlung!

Eine Geschichte von ECM können Sie hier lesen.

— 15. September 2009