Platte11

Von Heinz Gelking

Jeder Ton eine Rettungsstation

Broecking, Christian; Jeder Ton eine Rettungsstation; Berlin 2007; Verbrecher Verlag

Nach Respekt und Black Codes veröffentlicht Christian Broecking mit Jeder Ton eine Rettungsstation sein drittes Taschenbuch mit Interviews afro-amerikanischer Musiker.

Abgedruckt sind Gespräche mit David Murray, Butch Morris, Billy Bang, Roscoe Mitchell, Craig Taborn, George Lewis, Fred Anderson, Mwata Bowden, Nicole Mitchell, Dewey Redman, Randy Weston, Yusef Lateef, Howard Johnson, Leroy Jenkins, Sirone Jones, Tyshawn Sorey, Vijay Iyer, Wadada Leo Smith, Marshall Allen/James Jacson, Sam Rivers, David S. Ware und William Parker. Die Interviews fanden zwischen 1994 und 2007 und ursprünglich für so unterschiedliche Medien wie Tageszeitungen und Fachzeitschriften statt. Broecking geht darauf leider nur in einer kurz und sehr allgemein gehaltenen editorischen Notiz ein. Wann und wo und in welchem ursprünglichen Zusammenhang ein Interview geführt worden war, das hätte man gerne genauer gewusst. Mit den Einführungstexten, in denen der interviewte Musiker jeweils vorgestellt wird, gelangen Christian Broecking allerdings prägnante Portraits auf engem Raum.

Die biografischen Erfahrungen vieler Musiker ähneln sich. Ein Thema wie die Segregation an den Schulen taucht immer wieder auf. Aber die daraus gezogenen Konsequenzen sind vollkommen unterschiedlich. Vielleicht hat jemand wie der Posaunist George Lewis, der einen Preis in Höhe von 500.000 $ für kreative Leistungen bekommen hat und Professor an der University of California in San Diego war, aber auch zwangsläufig eine andere Haltung zur Gesellschaft und Politik als der Bassist William Parker, der über Auführungsmöglichkeiten afro-amerikanischer Musik in den USA sagt: “Die Kunst zählt hier nichts. Kreative Kunst, die die Menschen zum Denken anregt, die sie in revolutionäre Bewegung versetzt, wird erst recht nicht unterstützt. Wenn diese Ideen zudem noch afro-amerikanischer Herkunft sind – vergiss es.”

Überhaupt, die Hautfarbe. Mancher Interview-Partner von Christian Broecking definiert sich und seine Musik tatsächlich nach wie vor darüber. So sagt Mwata Bowden von der Association for the Advancement of Creative Musicians, einer Institution, die sich ausdrücklich der Förderung der Great Black Music verschrieben hat: “Aber die Musik, die die AACM repräsentiert, ist eine Musikkultur, die einem afrikanischen Erbe entspringt, und ich befürchte, dass ein Weißer nicht die Energie und Leistung bringen könnte, die für unsere Musik wichtig ist. Er würde wohl kaum als aktives Mitglied akzeptiert werden, aber natürlich kann er mit uns spielen.” Im Gegensatz dazu noch einmal der Posaunist und unter anderem am IRCAM ausgebildete Komponist George Lewis, ebenfalls AACM-Mitglied: “Für mich funktionieren die binären Codes – gut/schlecht, afro/euro, notiert/improvisiert – jedenfalls nicht mehr. Mir geht es um die Freiheit der improvisierenden Musiker (...).”


Einigkeit scheint zwischen den Interviewten nur in einem Punkt zu bestehen – der Ablehnung von Wynton Marsalis und allem, was er verkörpert: „Er ist wie ein missratener Bruder, den man im Knast besucht, denn er bleibt dein Bruder. Ich mag nicht, wie er denkt und was er sagt, aber er gehört zur Familie. Ich kann das nicht ändern“ (David Murray). Daraus spricht nicht nur eine Ablehnung gegenüber Marsalis’ konservativer Auffassung vom “wahren” Jazz, sondern auch noch immer ein Beleidigtsein über die „als folgenschwer empfundene Diskriminierung des schwarzen New Jazz aus den quasi eigenen Reihen“ (Christian Broecking). Wynton Marsalis soll als Berater des Dokumentarfilmers Ken Burns maßgeblichen Anteil daran gehabt haben, dass Strömungen wie Free Jazz und Fusion in dessen zehnteiliger Dokumentarfilm-Reihe über die Geschichte des Jazz schlichtweg nicht vorkamen (der europäische Jazz übrigens auch nicht). Die Interviewten nehmen jedenfalls kein Blatt vor den Mund. Welcher “klassische” Musiker würde so frank und frei Kollegenschelte üben, vom verstorbenen Friedrich Gulda einmal abgesehen? Die Meinungsfreudigkeit seiner Gesprächspartner macht Christian Broeckings Buch lesenwert. Und die Tatsache, dass er sie manchmal dazu gebracht hat, etwas vom Wesen und Geheimnis des Jazz zu verraten. So berichtet David Murray: “Sieben Jahre spielte Blackwell in meinem Quartett, bis er eines Abends nach einem Konzert im Village Vanguard zu mir sagte, dass ich heute zum ersten Mal mit der Rhythmusgruppe zusammen gespielt hätte. Dann fragte ich ihn, was ich denn vorher gemacht hätte, und er sagte, ich hätte den Star gemacht und all das, aber nicht mit der Band gespielt. Er meinte, dass ich mir das früher von ihm nicht hätte sagen lassen – und wahrscheinlich hatte er Recht. Ich brauchte eine ganze Weile, um die Message zu verarbeiten und bedankte mich dann bei ihm. Das ist, was man lernt, wenn man mit den Alten spielt.”

— 24. Juli 2007