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Von Heinz Gelking

Jenseits der Stille: Die Fotografien von Hans-Christian Schink im Museum Küppersmühle

Fotonachweis: Hans-Christian Schink im MKM, im Hintergrund seine Fotografie 9/17/2006, 8:45 am-9:45 am, N 78°13.370’ E 015°40.024’, 2006, aus der Serie 1h. Pressematerial zur Ausstellung, ohne Namensnennung des Fotografierenden.

Bei Hans-Christian Schink liegt oft alles unter einem knappen, ins Weiße ausgeblichenen Himmel. Der ist noch leerer als bei Bernd und Hilla Becher, weil er statt über schwarz-weißer Architektur über farbigen Landschaften hängt. Aber es ist nicht nur dieser weiße Himmel, der die Fotografien von Hans-Christian Schink so starr und abweisend wirken lässt.

Bis Mitte der 1990er-Jahre fotografierte der in Erfurt geborene und in Leipzig lebende Künstler noch die Ödnis von Dörfern, Parkplätzen und Straßen. Da war eine Nähe zum New Topographic Movement zu erahnen und ein kritischer Unterton kaum zu übersehen. Wer die Serie „Von Leipzig nach Günthersdorf“ betrachtet, wird sich noch einmal an die Diskussionen über den „Aufbau Ost“ erinnern, an das Versprechen „blühender Landschaften“ und die damalige Realität ostdeutscher Gewerbegebiete.

Von Anfang an war Hans-Christian Schink also kein Landschaftsfotograf für schicke Magazine wie GEO oder Merian. Doch erst seine ab 1995 in Serien wie „Verkehrsprojekte“ oder „Wände“ entstandenen Großformate rechtfertigen die vielen Preise und große Einzel-Ausstellungen wie jetzt im Museum Küppersmühle. Die rund anderthalb Meter im Quadrat großen Abzüge – Hans-Christian Schink arbeitet tatsächlich „analog“, und zwar mit einer Planfilm-Kamera – erfüllen keine dokumentarische Funktion mehr, obwohl sie so detailgetreu sind, wie nur irgendwie denkbar. Der fotografische Moment und die Perspektive sind so gewählt, dass sich ein Verfremdungseffekt einstellt: Da werden Wände zu abstrakten Farbflächen und erscheinen Landschaften beklemmend ruhig. Brücken, Fahrbahnen und Wälle stehen da wie verlassene Relikte einer untergegangenen Kultur: intakt und unbenutzt. So gut wie nie sind Menschen sichtbar. Die Welt wirkt auf den Betrachter so entvölkert und lebensfeindlich wie in der „Winterreise“ auf den Wanderer. Alle Farben sind matt wie nach einem atomaren Winter. Sogar die vietnamesischen Urwälder frieren zu Scherenschnitten ein – und offenbaren wie nebenbei die ganze Schönheit ihrer Struktur.

Hans-Christian Schink, A20 – Peenebrücke Jarmen, 2002, aus der Serie “Verkehrsprojekte Deutsche Einheit”, C-Print, (c) Hans-Christian Schink, Privatsammlung Berlin

Das muss man nämlich auch einmal festhalten: Hans-Christian Schinks rätselhafte Bilder erfüllen mittlerweile alle konventionellen Erwartungen an die „schöne“ Fotografie. Sie entstehen geplant und sind nicht weniger durchkomponiert als diejenigen einer historischen Ikone der Landschaftsfotografie wie Ansel Adams. Und ebenso wie die Landschaftsgemälde des frühen 19. Jahrhunderts, etwa von William Turner oder Caspar David Friedrich, hinterlassen die Bilder von Hans-Christian Schink beim Betrachter das irritierende Gefühl, hinter der Oberfläche und jenseits der Stille, da liege noch mehr.

Das Museum Küppersmühle zeigt noch bis zum 3. Oktober 2011 die bislang umfangreichste Ausstellung von Werken Hans-Christian Schinks.

— 20. Juli 2011