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Von Heinz Gelking

Jetzt eröffnet: Das Musée Lalique in Wingen-sur-Moder

Die Hochkultur residiert am Dorfrand: Wingen-sur-Moder liegt landschaftlich durchaus schön zwischen dunkelgrünen Wäldern und hellgrünen Wiesen, zählte aber bisher sicher nicht zu den touristischen Highlights der Nord-Vogesen. Doch seit dem 2. Juli 2011 besitzt das 2000-Seelen-Örtchen mit dem Musée Lalique ein Museum von internationalem Rang.

René Lalique tenant une coupe. (c) Lalique SA

Wer war René Lalique?

Seine Bedeutung lässt sich kaum überschätzen. René Lalique war mehr als der Prototyp des modernen Star-Designers, wie er heute etwa von Philippe Starck oder Luigi Colani verkörpert wird. Mindestens zwei Epochen hat er mit seiner an der Flora, der Fauna und der Frau orientierten Formgebung beeinflusst, nämlich den Jugendstil und den Art Déco.

René Lalique, Dessin assymétrique, émeraudes. (c) Lalique SA

Anfangs entwirft Lalique vor allem Schmuck. Dann wendet er sich dem Glas zu. Die Entwürfe werden klarer und kühner. In den 1920er und 1930er Jahren gestalten von ihm angeleitete Mitarbeiter das Interieur von Passagierschiffen und Luxus-Zügen wie dem Orient-Express, entwerfen Türen für das Palais eines japanischen Fürsten, zeichnen Kühlerfiguren für Bugatti und Rolls-Royce und fertigen Parfum-Flacons für die renommiertesten Häuser. Künstler oder Unternehmer sein? Darin liegt für René Lalique überhaupt kein Widerspruch. In beiden Fällen schafft er Bleibendes: Seine herausgehobene Position in der Kunstgeschichte betonten auch vor der Eröffnung des Musée Lalique schon Dauerausstellungen in Lissabon, Paris und Hakone/ Japan und sein 1890 gegründetes Unternehmen lebt bis heute unter dem Dach der Firma Art et Fragance SA fort.

René Lalique, Vase Serpent, 1924. (c) Lalique SA

René Lalique war ein exzellenter Selbstvermarkter. Seine berühmteste Kundin, für die er zwischen 1891 und 1894 Schmuck und Bühnen-Accessoires entwarf, machte auch ihn weltbekannt: Sarah Bernhardt. 1900 stellte Lalique auf der legendären Weltausstellung in Paris aus, erregte viel Aufsehen – und sah sich bald mit Nachahmern konfrontiert. Daraufhin ließ er seine Entwürfe juristisch gegen Plagiate schützen – auch darin ein Vorreiter der Star-Designer unserer Zeit.

Das Museum

Drei Tage nach der Eröffnung verkabelt ein Elektriker noch die Parkplatzbeleuchtung. Doch das Museum selbst ist pünktlich fertig geworden – finanziert von einem Zweckverband institutioneller Förderer, entworfen vom renommierten Architekturbüro Wilmotte und inhaltlich entwickelt von der Kunsthistorikerin Véronique Brumm. 650 Objekte werden auf einer Ausstellungsfläche von 900m² gezeigt. Es gibt einen Museumsshop, museumspädagogische Angebote, ein Restaurant, aber keinen Kinderspielplatz.

Das neue Museum integriert sich behutsam in die Situation vor Ort. Der vorhandene Gebäudebestand der hier 1715 errichteten Glashütte Hochberg wurde restauriert und um einen Neubau ergänzt, der sich flach in einer Senke duckt und mit einem großen Panoramafenster einen Kontakt zur Landschaft aufnimmt.

Umso größer der Bruch beim Eintritt ins Gebäude: Wie dunkel der Ausstellungsraum wirkt! Mag sein, dass es für diese Lichtarmut auch konservatorische Gründe gibt, doch zugleich werden durch die Nachtschwärze jene Lichtakzente möglich, unter denen die Exponate ihre Farben und ihr Funkeln strahlend entfalten. Genau darum ging es offensichtlich auch dem beteiligten Büro Ducks Scéno in erster Linie: Alles spektakulär zum Leuchten zu bringen. Die Inszenierung wendet dabei die raffinierten Methoden der Schauwerbegestalter von Juwelieren und Luxus-Boutiquen an. Unwillkürlich sucht man nach Preisschildern…

Vielleicht lassen mich die ausgesuchten und an sich so schönen Exponate darum seltsam gleichgültig. Ich erfahre hier etwas über den Geschmack zweier Epochen, die mir fremd bleiben, eben weil sich nur ein Weltstar wie Sarah Bernhardt oder ein Finanz- und Öl-Magnat wie Calouste Sarkis Gulbenkian oder die Passagiere der Luxus-Liner den vorherrschenden Geschmack leisten konnte – was übrigens im Musée Lalique kaum thematisiert wird. Es ist eben vor allem ein Kunst-Museum. Das Wenige an Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Glasproduktion findet draußen auf dem Hof in Form von Texttafeln statt und bezieht sich vor allem auf die viel früher gelegene Zeit der Glashütte Hochberg. Wie es heute bei Lalique (dem Unternehmen, nicht der Familie) zugeht, zeigt ein am Ausgang präsentierter Film. Auf einmal sieht man die Menschen hinter den Objekten, ihre Professionalität, ihre Sorgfalt, ihren Eifer bei der Arbeit. Das versöhnt mit dem kühlen Glanz zuvor.

Schade übrigens, dass die so schön gelegene Museumsgastronomie kein Eis hat!

Alle Fotos, außer den drei folgenden, entstammen dem anlässlich der Eröffnung herausgegebenen Bildmaterial für die Presse.

Hier ein früherer Artikel über eine Baustellenbesichtigung beim Musée Lalique

— 15. Juli 2011