Platte11

Von Heinz Gelking

Johann Sebastian Bach, Wohltemperiertes Klavier II, Evgeni Koroliov (Tacet 104, 2 CDs)

Bei Glenn Gould, dessen Bach-Spiel er 1957 in Moskau in einem Konzert erlebt hatte, gefiel Evgeni Koroliov, alle Stimmen hören zu können. Doch auch die „romantischen“ Bach-Interpretationen Edwin Fischers bewunderte er. Koroliov hat sich trotz solch gewichtiger Vorbilder die ganz eigene Sicht auf Bach nicht nehmen lassen. Natürlich auch nicht von der Originalklang-Bewegung, die den modernen Konzertflügel bekanntlich beargwöhnt und JSB am liebsten für sich allein hätte.

Koroliov nahm das Wohltemperierte Klavier II auf, und Andreas Spreer, der Tonmeister und Inhaber des Labels Tacet, fing den Flügel nicht nur mit maßstabsetzender Natürlichkeit ein, er ließ dem als selbstkritisch geltenden Künstler auch genügend Zeit zum Feilen.

Anlässlich eines Portraits der Firma Tacet (in image hifi 4/2001 erschienen, noch nicht online) habe ich die dabei entstandene Aufnahme des Ersten Teils des Wohltemperierten Klaviers vorgestellt. Jetzt hat Koroliov den Zweiten Teil (BWV 846-869) eingespielt, und wieder hört man fassungslos, wie jemand absolute Kontrolle über sein Spiel mit einer nicht begründbaren Besseltheit zu verbinden weiß.

Das ist unendlich viel größer als Goulds Exzentrik.

(Text erschien erstmals in image hifi 4/2003, hier jetzt minimal überarbeitet)

—  2. Juli 2009