Platte11

Von Heinz Gelking

John Cage: Werke für Violine und Klavier, eingespielt von Andreas Seidel und Steffen Schleiermacher (MDG-CD)

Short summary in English:

John Cage didn’t compose much for violin and piano. Andreas Seidel and Steffen Schleiermacher recorded the subtile music of Cage now – with tension, but without effects. Excellent recording quality by MDG.

Es gibt kaum eine konventionellere Kombination zweier Instrumente als Violine und Klavier. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein erfüllten selbst sonst durchaus dem Experiment und der Provokation zugeneigte Komponisten darin die Erwartungen von Interpreten, oft zugleich Widmungsträgern, und des Publikums: Melodien! Brillanz! Volumen! Wagemutigen Erkundungen musikalischen Neulands fanden eher im Streichquartett statt, dieser Gattung für Auskenner, oder in Werken für Klavier solo, die sich Komponisten oft selbst in die Finger schrieben. Mit fast allem, was im 20. Jahrhundert für Geige und Piano geschrieben wurde, lässt sich genauso glänzen wie mit den Violinsonaten von Schumann, Brahms oder Grieg.

John Cage misstraute dem Braten und ging auf größtmögliche Distanz zu dieser Tradition. Sogar den Konzertflügel stellt er in seinem schmalen Œvre für Violine und Klavier zur Disposition. Mal klingt er nur als eingeklammerter Vorschlag und Ergänzung zum allgemeineren Begriff der Tasteninstrumente an, wie in den Six Melodies for Violin and Keyboard (Piano), mal schlägt Cage die Verwendung der japanischen Mundorgel Shō vor und nennt das Klavier nur noch als alternative Besetzungsmöglichkeit wie in Two4 – sicher wissend, dass eine Aufführung mit dem Instrument aus dem Gagaku-Orchester der japanischen Kaiserzeit seltener stattfinden wird als mit dem allgegenwärtigen Klavier. In diesen späten Number-Pieces gibt Cage sogar die zeitliche Koordination zwischen beiden Instrumenten auf – eine Absage an das oder eine neue Herausforderung für das Zusammenspiel im so vertrauten Duo-Format. Für Violine und Klavier sind zwar Klänge notiert, aber jeder Spieler kann sie innerhalb von definierten Zeitfenstern ohne Rücksicht auf seinen Partner spielen.

Der amerikanische Komponist hat bis heute den Ruf eines spleenigen Avantgardisten, der schwer verdauliche Musik schrieb und einen Hang zu Absurditäten pflegte. In seinem Stück, 4’33’‘, erklingt kein einziger Ton – das aber drei Sätze lang. Bezeichnenderweise ist es sein bekanntestes Werk. Wir grinsen darüber, als handele es sich um einen besonders gelungenen Streich, aber wir sollten uns wundern. 1983 sagte Cage: „Ich bin dafür, die Dinge im Geheimnisvollen zu belassen, und ich habe nie Vergnügen daran gefunden, etwas zu verstehen. Wenn ich etwas verstehe, kann ich nichts mehr damit anfangen. Deshalb versuche ich, Musik zu machen, die ich nicht verstehe und die auch für andere Menschen schwer zu verstehen ist.“ In seiner Rätselhaftigkeit trifft sich John Cage mit Erik Satie, dem großen Außenseiter der europäischen Musikgeschichte, auf dessen Musik er schon 1950 in den Six Melodies…, aber auch 1992 noch einmal in Two6 anspielte.

Andreas Seidel und Steffen Schleiermacher haben nun alle Werke aufgenommen, die Cage für Violine und Klavier geschrieben hat. Der ehemalige Primarius des Leipziger Streichquartetts und der Pianist mit der immensen Cage-Erfahrung spielen die dynamisch kaum einmal das Halblaute erreichende Musik aus einer großen, neugierig tastenden, erwartungsvolle Spannung erzeugenden Ruhe heraus und mit enormer Konzentration. Die nach außen gewendeten Gesten des „klassischen“ Duo-Spiels klingen nur im ältesten Stück, dem Nocturne for Violin and Piano von 1947 noch einmal an, und das ganz verhalten.

Noch der feinsten Schwingung horcht auch die Aufnahmetechnik (Friedrich Wilhelm Rödding) nach. Eine wundervolle Produktion!

— 23. März 2010