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Von Heinz Gelking

Jordi Savall, Ariane Maurette und Ton Koopman spielen die Pièces de Violes von François Couperin (Telefunken-LP, antiquarisch)

François Couperin war schon sechzig Jahre alt, als er in Paris die Pièces de Violes avec la basse chifrée [sic] drucken ließ. Seine Produktivität hatte nachgelassen. In früheren Jahren veröffentlichte er Musik noch in Werkgruppen wie die Concerts royaux und die Goûts-réunis ou nouveaux concerts oder die ersten überhaupt in Frankreich komponierten und das Vorbild des Italieners Arcangelo Corelli nacheifernden Triosonaten mit dem Titel Les nations. Aber in diesem Jahr 1728 brachte er offenbar nur zwei Kammersuiten für Gambe, Bass-Gambe und Cembalo heraus, nämlich die Pièces de Violes. Zwei Jahre später gab Couperin seine Verpflichtungen als Cembalist und Organist am französischen Hof aus Gesundheitsgründen auf. Bevor er 1733 starb, veröffentlichte der berühmteste Vertreter einer ganzen Musiker-Sippe nur noch das vierte Buch seiner Pièces de clavecin.

Die Pièces de Violes sind Alterswerke. Nicht im sperrigen und radikalen Sinne wie bei Beethoven, der sich beispielsweise im Streichquartett Nr. 14 cis-Moll op. 131 mehr als je zuvor allen Konventionen entgegen stellt. Auch nicht im Sinne einer Essenz des eigenen Schaffens wie Bachs zwischen 1740 und 1749 immer weiter bearbeitete und schließlich noch im Todesjahr 1750 zum Druck vorbereitete Kunst der Fuge. Vielleicht kann man die Pièces de Violes am ehesten mit Brahms’ zwischen 1891 und 1894 entstandenen Klarinettenwerken vergleichen. In ihnen scheint Herbstlicht, waltet Altersmilde und eine Gelassenheit zwischen stiller Zufriedenheit und sanfter Melancholie. Wenn da nur die beiden seltsamen letzten Sätze der Deuxième Suite nicht wären…

In Frankreich konnte sich die verhaltener klingende Gambe viel länger halten als in Italien, wo sie früh vom Cello verdrängt wurde. Couperins Musik war – anders als beispielsweise die öffentlich vor großem Publikum aufgeführte Musik Antonio Vivaldis – dem französischen Hof vorbehalten. Und dort, im kleinen Kreis von Kennern, schätzte man das intimere Instrument. (Quellennachweis für die Abbildung)

Die Première Suite folgt dem üblichen Schema einer Folge von Tanzsätzen, wobei Couperin über das viersätzige Grundmuster (Allemande, Courante, Sarabande, Gigue) hinaus ein Prélude voran stellt, eine Gavotte einschiebt und die Suite in einem Passacaille ou Chaconne überschriebenen, im Umfang jeden vorhergehenden Satz übertreffenden Variationensatz (mit einer Bassmelodie als Grundgerüst) enden lässt. Nicht zuletzt wegen der Ansätze zur Mehrstimmigkeit in der Partie der Solo-Gambe erinnert Couperins Werk an die Suiten für Violoncello (BWV 1007-1012) von Johann Sebastian Bach.

Bei der Deuxième Suite hat Couperin sich überhaupt nicht mehr an das Schema gehalten. Zwar folgt im Verlauf der vier Sätze auf einen langsamen Satz jeweils ein virtuoser, schneller Satz, aber keiner hat den für eine barocke Suite üblichen Tanzcharakter (eher hat die Satzfolge ein Vorbild in Corellis Kirchensonaten). Im Vergleich zur Première Suite darf die zweite Gambe hier ihr Continuo-Joch ablegen und sich mit eigener Stimme an der Musik beteiligen. Die Begleitung obliegt dem Cembalo, dessen Partie an Lautenspiel erinnert und die beiden Streichinstrumente ornamental umspielt. Während der letzte Satz vor allem wegen seines Titels, La Chemise blanche (das weiße Hemd), rätselhaft erscheint, wirkt der dritte, Pompe funèbre (Trauerfeier) überschriebene Satz schon wegen seines enormen Umfangs wie ein Fremdkörper. Jordi Savall, Ariane Maurette und Ton Koopman nehmen die dem Satz beigegebene Tempobezeichnung ernst und spielen tatsächlich très gravement, also sehr getragen. Sie machen verständlich, warum immer wieder die Idee auftaucht, Couperin habe diese traurige und bewegende Musik anlässlich des Todes von Marin Marais geschrieben.

Schrieb François Couperin seine Deuxième Suite aus den Pièces de Violes zum Tod des berühmten Gambisten Marin Marais, der sein Kollege am Hof von Versailles war? (Quellennachweis für die Abbildung)

Jordi Savall, Ariane Maurette und Ton Koopman spielen Couperins Musik ganz in sich gekehrt. Die beiden Gamben tasten sich im Pompe funèbre-Satz nur behutsam vorwärts. Die Interpreten kosten die harmonischen Veränderungen und die reichen Verzierungen aus bis auf den Grund. Ihr Gambenspiel strahlt Ruhe und Würde aus. Es atmet. Wie nur hat diese an Ausdruck so starke und an Glanz so arme Musik an den prassenden Hof der egozentrischen französischen Könige gepasst?


Die ursprünglich für das französische Label Astrée produzierte Aufnahme erschien 1976 in der Telefunken-Reihe DAS ALTE WERK (s. Abbildung ganz oben). Über mittelprächtige Stereo-Anlagen klingt die LP etwas monochrom und wenig dynamisch – die Kombination zweier Gamben mit einem Cembalo eignet sich erwartungsgemäß nicht für Hifi-Spektakel. Je höher das Auflösungsvermögen einer Anlage aber ist, desto mehr fasziniert diese LP. Der Klang der Gamben weist ganz feine Schattierungen auf und entfaltet sich auch dynamisch innerhalb einer kleinen Spanne wie lebendige Rede. Die Bass-Gambe trägt im Klangbild allerdings manchmal etwa dick auf und deckt die Solo-Gambe dann etwas zu. Trotzdem: Telefunken 384578 zählt zu den faszinierendsten LPs mit barocker Kammermusik!

— 26. Juli 2007