Platte11

Von Heinz Gelking

Joseph Haydn: fünf Barytontrios, gespielt von János Liebner, Gábor Fias und László Mezö (Hungaroton-LP)

Nikolaus I. Joseph Esterházy de Galantha formulierte 1765 barsch:

Endlichen wird ihme Capelmeister Haydn bestermaßen anbefohlen … solche stücken, die man auf der Gamba spielen mag, und wovon wir noch sehr wenig gesehen haben, zu Componieren.[1]

Joseph Haydn gehorchte seinem Dienstherrn und komponierte innerhalb der nächsten zehn Jahre 126 Trios für Baryton, Viola und Cello. Denn wenn Fürst Nikolaus von der Gamba sprach, dann meinte er das Baryton . Es bezeichnet hier keine männliche Stimmgattung in alternativer Schreibweise, sondern ein Saiteninstrument mit sieben zu streichenden Saiten und zusätzlichen Resonanzsaiten, die auch gezupft wurden. Das Instrument war mit der Viola da gamba, der alten Kniegeige, verwandt und im Grunde schon aus der Mode gekommen, als Joseph Haydn seine Barytontrios komponierte. Nikolaus Esterházy spielte das Instrument selbst (bis er das Interesse verlor und sich dem Puppenspiel zuwandte) und hatte mit Andreas Lidl auch einen professionellen Cellisten in seiner Hofkapelle, der auch Baryton spielte.

Haydn nahm Rücksicht auf die Fähigkeiten seines Fürsten, indem er “bequeme” Tonarten wie G-dur, A-dur, C-dur, D-dur wählte und ihn vor keine virtuosen Herausforderungen stellte, dem Baryton aber sehr wohl häufig die führende Stimme anvertraute. Diese galante Musik trägt ganz gewiss nicht den selben Anspruch, wie das von Haydn “erfundene” Streichquartett oder die späten Oratorien. Zweck der Barytontrios war der Zeitvertreib, und Nikolaus, genannt “Der Prachtliebende”, soll überaus zufrieden gewesen sein. 1766 ließ der Fürst seinem Hofkapellmeister für drei Stücke zwölf Dukaten auszahlen und bestellte weitere sechs “den eingeschickten ähnliche Stücke”. Am Ende seines Lebens war Nikolaus Esterházy horrend verschuldet, aber das lag gewiss nicht an Haydn allein.

Die Manuskripte der von Haydn für das Baryton geschriebenen Musik gelangten von Schloß Esterházy in die Musiksammlung der Budapester Nationalbibliothek. Im Jahr 1959, anlässlich des 150. Todestag von Joseph Haydn, spielte János Liebner eine Auswahl daraus in Konzerten, später hat die staatliche ungarische Plattenfirma Hungaroton die hier vorgestellte LP mit fünf der Barytontrios produziert (Hungaroton LPX 11478, ohne Jahresangabe). Liebner spielte im Hauptberuf Cello, hatte unter anderem bei Pierre Fournier studiert, war bei der Budapester Oper und dem Ungarischen Rundfunk engagiert und Mitglied des Ungarischen Streichtrios.

Niemand weiß genau, wie sich ein Baryton damals, zu Nikolaus Esterházys Zeiten, angehört hat, aber gegen Liebners Spiel auf dieser LP mag man einwenden, dass er seine – zweifelsohne hervorragende – Cellotechnik hier ohne weitere Anpassung auf das Baryton anzuwenden scheint. Das Baryton tönt in dieser Aufnahme nämlich satt und singend – längst nicht so feinnervig und von der Idee der Klangrede befruchtet, wie wir das von modernen Gambisten wie Paolo Pandolfo kennen (um nur einen Namen, und nicht immer nur Jordi Savall zu nennen). Zur “historisch informierten Musizierpraxis” ist es noch ein hörbar weiter Weg. Nein, die Bemerkung ist ungerecht – vielmehr wird man János Liebner zu deren Pionieren zählen können, denn immerhin wählt er mit dem Baryton das historisch korrekte Instrument. Damals wurden die Barytontrios noch regelmäßig für moderne Instrumente adaptiert.

Weil Haydn dem Cello als dem zweiten großen Streichinstrument in seinen Barytontrios eher tiefe Töne zugewiesen hat, kommt das Baryton niemals in die Bedrängnis, gegenüber diesem moderneren und dynamisch viel variableren Instrument ins Hintertreffen zu geraten, und auch bei der Wahl des dritten Instrumentes war Haydn geschickt: Statt einer brillanten Geige spielt eine verhaltener klingende Bratsche. Die drei Stimmen mäandrieren nebeneinander, umeinander und aneinander vorbei, wobei stets klar bleibt, wem die Führung gebührt – dem Baryton natürlich, dessen leicht näselnder Ton auch von der Tontechnik dezent bevorzugt wird. Viola und Cello haben Begleitfunktion und kämpfen auch gar nicht um mehr: Haydns Barytontrios entfalten sich ganz entspannt.


Der Klang: Hungaroton LPX 11478 bietet einen überzeugenden, wenn auch nicht “audiophilen” Stereoklang mit einer klaren Verortung der drei Instrumente in einem eher warm getönten und mäßig dynamischen Klangbild.

1 Zitiert nach dem Plattenhüllentext von György Gábry

— 10. April 2008