Platte11

Von Heinz Gelking

K. A. Hartmann, Concerto funèbre, gespielt von André Gertler, der Tschechischen Philharmonie und Karel Ančerl (Supraphon-LP, antiquarisch, auch CD)

1939 schrieb Karl Amadeus Hartmann ein Violinkonzert, dem er zunächst die Bezeichnung Musik der Trauer gab. Natürlich wurde das Konzert im musikalisch gleichgeschalteten Deutschen Reich nicht aufgeführt. Nur allzu deutlich war es als Protest gegen das Münchner Abkommen von 1938 und den Einmarsch der Wehrmacht in die so genannte Rest-Tschechei 1939 aufzufassen – und als künstlerische Klage gegen den soeben begonnenen Krieg.

Der Komponist des Concerto funèbre gehörte keiner verfolgten Minderheit an und litt während des Nationalsozialismus auch keine materielle Not. Er war mit der Tochter eines Kugellager-Fabrikanten verheiratet, wodurch das Auskommen der Familie gesichert war. Man lebte in einer Villa außerhalb Münchens. Doch auf wessen Seite er stand, daran konnte von 1933 an kein Zweifel bestehen: Hartmanns in diesem Jahr entstandenes Erstes Streichquartett ist von einem jüdischen Volkslied durchzogen und sein 1934 fertig gewordenes erstes Orchesterwerk mit dem Titel Miserae hat er den politischen Häftlingen im KZ Dachau gewidmet: Meinen Freunden, die hundertfach sterben mussten, die für die Ewigkeit schlafen – wir vergessen Euch nicht. (Dachau, 1933-1934).

Nach dem Krieg wollte Hartmann nicht ausschließlich als “Bekenntnismusiker” wahrgenommen werden: Die Einteilung der Kunst in politische und unpolitische, engagierte und nicht engagierte erscheint mir ein wenig oberflächlich, denn der Verpflichtung zur Humanität dürfte sich kein Künstler entziehen, der sich nicht dem Nihilismus verschrieben hat. Hartmann wehrte sich gegen jede Vereinnahmung (übrigens auch gegen Avancen aus der DDR) und orientierte sich offenbar an zwei Prinzipien: dem der Humanität und dem der Freiheit der Kunst.

Fast alle zwischen 1933 und 1945 entstandenen Werke überarbeitete er nach dem Krieg, darunter 1959 auch das Concerto funèbre. Es hat vier unmittelbar ineinander übergehende Sätze: Introduktion (Largo)AdagioAllegro di moltoChoral (Langsamer Marsch). In der Einleitung klingt der Choral tschechischer Hussiten (“Die ihr Gottes Kämpfer seid”) an, den auch Smetana in seinem symphonischen Zyklus Mein Vaterland verwendet hat. Dann ein Klagelaut im Orchester. Die Violine nimmt Anlauf und schreibt traurige Kantilenen in einer Tonhöhe, wo sie nur noch erbarmungswürdig klingt. Der Orchestersatz tönt glanzlos – keine Holzbläser, kein Blech, nur Streichinstrumente. Die Solo-Violine ist hier erste unter Gleichen. Doch die Musik beschränkt sich nicht auf den Ausdruck expressiver Trauer und auswegloser Tragik. Orchester und Solo-Instrument können auch trotzig und widerständig klingen und in ostinaten Figuren Beharrlichkeit zeigen. Das Allegro di molto ist ein Scherzo-Satz, aber keiner der tänzelnden und neckischen Sorte, sondern ein widerborstiger, bissiger. Im letzten Satz schließlich noch einmal ein beziehungsreiches Zitat: ein russisches Revolutionslied aus dem Jahr 1904.

André Gertler war bei Supraphon für das Violinrepertoire des 20. Jahrhunderts “zuständig”, während Josef Suk überwiegend das klassisch-romantische Repertoire einspielte. Der aus Ungarn stammende Virtuose geigt das Concerto funèbre mit energiegeladenem Ton ohne schmeichelnde Süße und ohne auftrupfende Brillanz, stattdessen mit rauer und expressiver Intensität. Man könnte sich den Violinpart raffinierter und schattierungsreicher vorstellen. Auf der anderen Seite trifft Gertler auf seiner Geige einen Ton, in dem sich neben der Klage auch der Wille zur Selbstbehauptung zu spiegeln scheint: traurig, trotzig und stolz. Max See, ein Freund von Hartmann, über das Concerto funèbre vor dem Hintergrund des Kriegsbeginns: Was uns Gleichgesinnte lediglich erbitterte, das zwang ihn seinen Zorn und seine abgrundtiefe Trauer in Tönen mitzuteilen. André Gertlers Interpretation ist dieser Musik vollkommen angemessen. Die Tschechische Philharmonie und Karel Ančerl sind ihm ebenbürtige Partner.


Klangqualität: Im Durchschnitt. Die LP (Supraphon Stereo 1100508) hat jedenfalls keine audiophilen Qualitäten im herkömmlichen Sinne. Die Aufnahme klingt nicht vollkommen verfärbungsfrei und in den Größenverhältnissen zwischen Soloinstrument und Orchester nicht hundertprozentig glaubwürdig.

Aufnahmejahr: mir unbekannt, vermutlich frühe 60er Jahre
Aufnahmeort: Supraphon Studios Prag
Produktionsleitung: Dr. Eduard Herzog
Aufnahme und Schnitt: Miloslav Kulhan

Und sonst: Die andere Schallplattenseite enthält eine Aufnahme der selben Interpreten von Paul Hindemiths Konzert für Violine und Orchester (1939). Die Aufnahme liegt auch auf CD vor:

— 23. Februar 2008