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Von Heinz Gelking

La Grande Place, Musée du Cristal, Saint-Louis-lès-Bitche

Ein Museum der Kristallglas-Produktion? Diesem Anspruch wird La Grande Place nur teilweise gerecht. Zwar funkeln wundervolle historische und moderne Objekte aus Kristallglas hier um die Wette, zwar werden die verschiedenen Techniken der Formgebung und Ausschmückung von Glas auf dreisprachigen Texttafeln und in anschaulichen Filmen erläutert, zwar befindet man sich hier an einem geschichtlichen wie auch aktuellen Ort der Kristallglas-Produktion, doch für ein Museum fehlt etwas Wesentliches: Der Blick hinter alles Glitzern. Denn Glanz und Gloria solcher Luxusgüter aus Bleikristall entstanden – jedenfalls im 18. und 19. Jahrhundert – unter Inkaufnahme enormer Umweltverschmutzung, hemmungsloser Ressourcenverschwendung sowie großer Gesundheitsgefahren und schwieriger Arbeitsbedingungen für die Glashütten-Arbeiter. Davon erfährt man in Saint-Louis-lès-Bitche aber nichts.

Von diesem Einwand abgesehen: Das Musée du Cristal lohnt auf jeden Fall einen Besuch. Schon weil das unweit von Lemberg in den Nord-Vogesen liegende Saint-Louis-lès-Bitche ein sehenswerter Ort ist. Er weist die typische Siedlungsstruktur einer Manufakturstadt auf: Arbeitersiedlungen, Häuser von „höheren Angestellten“, ja selbst die Kirche und der Friedhof scheinen sich nach den im Tal gebetteten Produktionsstätten der dort seit Jahrhunderten ansässigen Glasindustrie hin auszurichten. 1781 gelang in Saint-Louis-lés-Bitche erstmals die Fertigung von Bleikristall außerhalb Groß-Britanniens. Und dieses durch einen relativ hohen Anteil von Bleioxid besonders schwere und edle Glas wird hier nach wie vor produziert. Die Glashütte, welche auch La Grande Place beherbergt, gehört heute zum französischen Luxuskonzern Hermès. Einen Verkaufsraum gibt’s nebenan.

Interessant finde ich die architektonische Lösung des Problems, einen großen Ausstellungsraum zu erstellen, ohne dem historische Gebäude-Ensemble einen Neubau hinzufügen zu müssen. Für eine Bausumme von knapp 1,8 Millionen Euro hat das Architekturbüro Lipsky & Rollet im Jahr 2007 in einer Werkhalle ein Raum-im-Raum-System geschaffen – im Grunde einen großen, aus einem Holzständerwerk bestehenden, lichtdurchlässigen Quader, der durch ein System von Rohren zusätzliche Stabilität erhält und innen über mehrere Etagen begehbar ist (ausführliche Informationen hier). So hätte die Ausstellung auch kaum näher an die aktuellen Produktion von Bleikristall gerückt werden können, was dem Besuch zusätzliche Spannung gibt: In die Werkhalle hineinragende Stege ermöglichen den Besuchern auf zwei Ebenen der Ausstellung wie auf Balkone herauszutreten und das Tun der Glashütten-Arbeiter zu verfolgen. Allerdings ist die Distanz so groß, dass von einer Schau-Vorführung keine Rede sein kann. Dazu fährt man besser nach Meisenthal (Achtung: m.W. nicht ganzjährig geöffnet!).

Weitere Impressionen aus meinem fotografischen Notizbuch:

Lebendiges Museum: Hier wird Glas bemalt – und natürlich nebenbei ein wenig Aufsicht geführt.

Solche Kronleuchter gehörten zu den Haupterzeugnissen der Glasindustrie von Saint-Louis-lès-Bitche.

Natürlich dient die Ausstellung auch dazu, Stücke aus aktueller Produktion zu zeigen. Hier farbiges Überfangglas.

Ob diese Wasserflaschen mit Trinkgläsern – früher “Nachtwächter” genannt – tatsächlich irgendwo die auf französischen Nachttischen allgegenwärtigen Plastikflaschen von Evian & Co ersetzen? Vermutlich landen sie eher in Sammler-Vitrinen.

Einfache Materialien in schlichter Verarbeitung geben dem Ausstellungsraum ein wenig den Charakter eines Messebau-Provisoriums. Ich finde die “sparsame” Umsetzung aber ganz überzeugend.

Hier mal eine Sicht aus der Werkhalle auf den in ihr befindlichen Ausstellungsraum. Rechts einer der beiden Stege, von dem aus man bei der Glasherstellung zusehen kann – wenn auch nur aus großer Entfernung.

An dem Samstagnachmittag als ich hier war, fand leider keine Produktion statt. Die ohnehin möglichst kleinen Öffnungen des Offens bleiben verschlossen. Die mörderische Hitze an diesem Arbeitsplatz ist nur zu erahnen.

Offensichtlich wird hier keine Schauproduktion betrieben, sondern wirklich gearbeitet und Kristallglas gefertigt. Diese Glashütte ist eben nur in zweiter Linie auch ein touristischer Ort.

— 24. September 2010